Porträt

Ein TV-Kommissar braucht starke Nerven

Für seinen kauzigen „Tatort“-Ermittler erntete Devid Striesow einen ungeahnten Shitstorm. Ans Aufhören denkt der Berliner aber keineswegs

Das ist er nicht gewohnt. Devid Striesow ist einer der meistbeschäftigten Schauspieler des Landes. Und einer der meist gelobten. Die ganz große Popularität hat er trotz Assistenz in der „Bella Block“-Fernsehserie bisher nicht erreicht. Und das hat auch sein Gutes: weil er noch auf die Straße kann, ohne ständig angesprochen zu werden. Aber dann gab es vor ziemlich genau einem Jahr einen wahren Shitstorm. Striesow feierte seinen Einstand als neuer Saarbrücker „Tatort“-Kommissar. Einen Mann, der Moped statt Flitzer fährt, Yoga macht und auf Esoterik steht. Und seinen ersten Fall in Gummistiefeln und Shorts löste.

Da ging ein wahrer Aufschrei durch die TV-Nation. „Konfus“, „albern“, „eine Gesamtkatastrophe“, so lauteten die harschen Urteile. Selbst Jochen Senf, der 17 Jahre im Saarland ermittelt hat, meckerte: „Dieser ‚Tatort‘ ist einfach scheiße!“ Und vor der zweiten Folge, die im April ausgestrahlt wurde, orakelte die „Bild“-Zeitung: „Sehen wir morgen den schlechtesten ‚Tatort‘ aller Zeiten?“

Dieses Medienecho hat den Berliner Schauspieler, wie er zugibt, „kalt erwischt“. Auf Reaktionen war er schon vorbereitet, und dass er die „Tatort“-Fans spalten würde, war ihm schon bewusst, das wollte er auch. Aber diese massive öffentliche Debatte, „diese Heftigkeit, die Anonymität im Internet, dass du nur Zielscheibe bist“ - nein, das hätte er nie für möglich gehalten.

Am Sonntag wird nun der dritte Striesow-„Tatort“ ausgestrahlt: „Adams Alptraum“. Hat sein Team daraus gelernt? Tritt seine Kommissarsfigur Jens Stellbrink jetzt weniger kauzig und spillerig auf? Der 40-Jährige schließt kurz die Augen und schüttelt den Kopf. Kann ja gar nicht. Das Problem war: Als der Shitstorm losbrach, drehten sie bereits den dritten Fall. Dasselbe Team, auch hinter der Kamera. „Das war psychologisch vielleicht ganz gut“, meint Striesow rückblickend, „so haben wir das als Team ausgetragen.“ Nicht auszudenken, wenn jeder allein zuhaus gewesen wäre. Geteiltes Leid ist nun mal halbes Leid. Aber das Drehbuch von Folge Drei war ja bereits fertig, und mitten in den Dreharbeiten kann man nicht mehr viel ändern.

Will Striesow auch gar nicht. Er steht ja zu seiner Figur, er hat sie mitentwickelt. Und es steckt auch ganz viel von ihm in diesem Stellbrink. „Man wird jetzt sicher ein bisschen Änderungen vornehmen“, gibt er zu. Man möchte schon auf all die Negativkritik reagieren. Aber: „Wir wollen uns orientieren, ohne ganz radikal Abstand zu nehmen.“

Wir treffen den Schauspieler im Bürgerpark in Pankow. Er wohnt hier gleich um die Ecke. Das ist praktisch. Und er ist auch oft hier. Um mit seinem Hund Gassi zu gehen. Den hat er heute aber nicht dabei. Sonst wäre er nur damit beschäftigt, Dinge aufzusammeln, die er uns lieber nicht zumuten will. Er geht gern spazieren. Er nutzt das als „kleinen Aus-Moment, um draußen zu sein und zu mir zu kommen.“ Das, meint er, könne ganz viele Blockaden lösen. Auch „Dämonen, die noch im Schlaf da sind.“ Man ahnt: Nach der ersten „Tatort“-Ausstrahlung war er wohl oft spazieren.

Einen Trost habe es damals übrigens gegeben. In seinem Team arbeitet ein Producer, der schon beim ersten Schimanski-„Tatort“ dabei war. Der erinnerte die Crew daran, welchen Aufschrei Götz George damals als fluchender und prügelnder Schmuddel-Kommissar ausgelöst hat. Heute gilt der Schimmi als bester aller „Tatort“-Kommissare. Man muss sich nicht gleich an der XXL-Größe messen, darum geht es Striesow auch nicht. Aber das Beispiel lehrt: „Man muss halt einen langen Atem haben.“ An die Jogginghose und das Moped, an das unkonventionelle Auftreten Stellbrinks hat sich das Publikum vielleicht schon gewöhnt. Das soll auch als Wiedererkennungswert beibehalten werden, muss aber nicht mehr so betont werden. „Wir müssen jetzt mit den Fällen so umgehen, dass die im Mittelpunkt stehen.“

Dafür immerhin sorgt die neue Folge: „Adams Alptraum“ handelt von einem Schwimmmeister, der ins Koma geprügelt wurde. Weil, wie sich herausstellt, im Internet das Gerücht kursiert, er habe sich an einem seiner jugendlichen Schutzbefohlenen vergangen. Ein Flashmob setzt zur Lynchjustiz an. Dagegen ist ein Shitstorm gar nichts.

Kratzt das eigentlich am Ego: dass Striesow das erste Mal mit einer seiner Figuren nicht überzeugen kann? Nein, da schüttelt er energisch den Kopf. „Ich war ja gar nicht so im Brennpunkt des Kritikfeuers“, laviert er, das Meiste haben Drehbuch und Regie abbekommen. Da hat er die Kritiken wohl nur überflogen. Aber nie, das betont er, habe er auch nur eine Minute überlegt, hinzuschmeißen. Und den „Tatort“ zu verlassen.

Aufgeben ist nicht seine Sache

Das Kommissars-Karussell dreht sich ja gerade mit Vehemenz, das wäre vielleicht gar nicht so aufgefallen. Aber so einer ist Striesow nicht. „Ich hatte anfangs Schwierigkeiten, mich überzeugen zu lassen. Aber dann habe ich Ja gesagt, dazu stehe ich auch.“ Das sei jetzt auch keine Trotzreaktion. Er will das so hinkriegen, dass es auch angenommen wird. „Ich gebe die Schlacht noch nicht geschlagen. Da hängt ja mein Herz dran.“

Spätestens der vierte Fall wird dann zeigen, wo es mit Herrn Stellbrink hingeht. Die Folge wurde im Dezember gedreht, auf dem Saarbrücker Weihnachtsmarkt. Und wird nächstes Weihnachten ausgestrahlt. Bis dahin muss Striesow wohl noch die Zähne zusammenbeißen. Und viel mit seinem Hund spazieren.

Tatort ARD, heute, 20.15 Uhr