Record release

Die Tränensäcke sind Vergangenheit

Boy George hat sich in den letzten Jahren nur noch lächerlich gemacht. Sein neues Album ist ein erstaunliches Comeback

Als Boy George an einem frühen Morgen im September 2011 an die Turntables eines Berliner Clubs geht, ist er noch eine entsetzliche Karikatur. Ein dicker, weiß geschminkter, schwuler Clown mit Hut. Er steht da neben dem DJ-Pult, schüttet abwechselnd Champagner aus Gläsern und Red Bull aus Dosen in sich rein. Und obwohl er zusammen mit einem Mann namens Marc Vedo angekündigt ist, legt nur Marc Vedo auf. Musik, wie sie irgendwelche Assis in Moskau auflegen, während dazu alte Männer in zu großen sowjetischen Anzügen mit 18-jährigen Blondinen Steaks essen. Vedo war wohl auch sein Manager, so steht es heute noch auf Vedos Twitter-Account.

Eine Stimme tief wie Cognac

Dieser Abend im Rahmen des Berlin Festivals war der tiefste Tiefpunkt in der Karriere des Boy George. Aber man kann ihm alles verzeihen und in jeder Verfehlung sogar noch etwas Schönes sehen. Die Heroin- und Kokain-Abhängigkeit – geschenkt. Leidenschaft kommt schließlich von „leiden“. Ein erfundener Einbruch, für den er fünf Tage gemeinnützige Arbeit verrichten musste – kann jedem passieren. Der angekettete Callboy aus Norwegen, den er verprügelt hat – dafür ging er zur Buße vier Monate ins Gefängnis. Bestimmt war das falsch verstandene Liebe. Aber dieser Abend in Berlin!

Jetzt jedenfalls erscheint ein neues Boy-George-Album. Kein Elektro. Kein New Wave. Einfach Boy George. Mit einer tiefen Stimme – so ein richtiger Crooner ist der Boy nun – mit einer Stimme, schwer und tief wie Cognac. Musikalisch zwischen Songwriter, Reggae, ein Yoko-Ono-Cover, ein bisschen Funk und noch mehr Reggae. Mit „This Is What I Do“ kann man nicht anders: Man muss Boy George eine neue Chance geben.

„Bigger Than War“, gleich der zweite Song: ein Knaller. Mit so einem Madness-Bariton-Saxofon. Natürlich ist die Botschaft des Songs nicht so neu. „Love is bigger than war/ Bigger than you, bigger than me/ Love is bigger than war“: trivialer Quatsch, aber mit dem Kriegsvergleich dann doch wieder ganz lustig. Manchmal ist das so kitschig, dass man sich fast übergeben muss: „Just like an atom, it’s here and it’s there/ Better run for cover when love is in the air.“ Aber weil Boy George das singt und nicht Toni Braxton oder Anastacia oder Eros Ramazzotti, ist das gut.

52 Jahre hat es gebraucht, bis Boy George endlich erwachsen wurde. 52 Jahre lang wollte Boy George ein anderer sein. Er wollte der mit den Rastazöpfen sein. Der mit dem orangen Haar. Aber bestimmt nie der fette Junkie mit der Glatze. „This Is What I Do“ ist seit Culture Club die erste gute Platte von Boy George. Weil Boy George niemand anders sein will als Boy George. Ein britischer Romantiker. Das ist wie mit David Bowie.

Der war am Anfang seiner Karriere auch alles andere als Bowie. Dann die tausend Rollen. Jetzt ist Bowie auch nur noch der britische Lord und mit 67 nur noch mal 15 Jahre älter als Boy George. Aber genau wie Bowie beherrscht auch Boy die ewig gültigen Regeln des Pop. Die erste heißt: Mach dich rar. „This Is What I Do“ ist das erste komplett eigenständige Album von Boy George seit mehr als einem Jahrzehnt. Die zweite: Sei wie ein Paar Berluti-Schuhe, je länger du mit ihnen gehst, desto besser sitzen sie. „This Is What I Do“ vereint beide Regeln, genau so wie Bowies „The Next Day“.

Und zu guter Letzt: Mach einfach gute Musik. Das war Boys größtes Problem in der Vergangenheit. Dabei ist das so einfach. Man muss nur genau hinhören bei „It‘s Easy“. Zusammen mit seinem Produzenten Richie Stevens schüttelt der Sänger ein Stück aus dem bunten Jackettärmel, fast so groß wie „What a Wonderful World“: Eine schmeichelnd gezupfte Akustik-Gitarre und Streicher darüber, wie ein Sonnenuntergang über Manhattan, und man küsst zum ersten Mal auf dem Dach eines Hochhauses, unten blinkt alles, so toll, dass es immer noch blinkt, wenn man die Augen schließt. Und selbst wenn das Gebäude von einem Flugzeug getroffen würde, die zwei Küssenden würden es nicht merken. Weil die Zeit in so einem Moment stillsteht, weil jeder in so einem Moment unendlich verletzbar und doch unverwundbar ist. „It’s Easy“ ist technisch kein schwieriges Stück, aber in seiner Einfachheit hat es genau dieses Endlosschleifenhafte, das es braucht, um für immer in einem drin zu bleiben. Selbst Yoko Onos „Death of Samantha“ von 1973 ersteht wieder auf. „People say I’m cool, I’m a cool chick, baby“.

Wie cool Boy George aber inzwischen wirklich ist, hört man in „My Star“. Mit „My Star“ schafft der Brite das, was den wenigsten Weißen bisher vergönnt war. Einen Reggae-Song aufzunehmen, der weder aufgesetzt wirkt, noch als schlimmer Early-in-the-morning-I-smoke-some-and-smile-through-my-sunny-day-Song endet. Und „This Is What I Do“ ist der langersehnte Lichtblick am Ende eines sehr langen, düsteren Tunnels in seinem Dasein als Boy George.

Ein gelungener Neuanfang in zwölf Songs. Ein Reset auf allen Ebenen. Er schwört seinem größten Irrtum, der elektronischen Musik ab. Er behauptet ja immer noch, er hätte die letzten 20 Jahre vornehmlich als DJ gearbeitet, und was für eine tolle Erfahrung das gewesen sei. In Wahrheit hat er sich nur lächerlich gemacht.

Die Vergangenheit, die Tränensäcke, das Doppelkinn, die Haut aus Asche, all das hat er gegen eine glorreiche Gegenwart eingetauscht. „This Is What I Do“ ist zwar im Präsens geschrieben, doch es ist ein Album für die Zukunft.

Boy George: „This Is What I Do“, Very Me Records/Rough Trade