Klassik-Kritik

Tiefe Stille herrscht im Saal nach Mahlers Adagietto

Die Berliner Philharmoniker gedenken an Claudio Abbado

Die Schweigeminute steht am Beginn. Es ist das erste Konzert der Berliner Philharmoniker nach dem Tode ihres früheren Chefdirigenten Claudio Abbado. Der Maestro war am Montag im Alter von 80 Jahren gestorben. Intendant Martin Hoffmann kündigt eine Programmänderung an, die an den großen Mahler-Interpreten erinnern soll. Das Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie lässt Gastdirigent Zubin Mehta voller Natürlichkeit strömen, wie es einst auch Abbado am Pult von seinen Musikern forderte. Nach diesem Adagietto gibt es keinen Applaus. Abbado selbst liebte immer die Momente der Stille nach dem letzten Ton. Mehr als mit dem gedenkenden Schweigen kann das Publikum ihn kaum Ehren.

Im Foyer der Philharmonie sind Kondolenzbücher ausgelegt. Noch vorm Konzert haben sich viele darin eingetragen. Es sind meist kurze Würdigungen wie „Danke!“ oder „Unvergessen“. Jemand hat sich konkret für ein Konzert mit Mahlers erster Sinfonie im Herbst 1989 bedankt. Weil es ihm Mahler eröffnet habe. Manche Dankesworte sind auf Englisch, einer auf Chinesisch. Abbado war ein Weltstar.

Mit stehenden Ovationen gefeiert

Viele im Publikum werden ihre ganz eigenen Erinnerungen an den Dirigenten haben, der von 1990 bis 2002 die Philharmoniker leitete. Immerhin hat Abbado von 1966 an insgesamt 693 Mal am Pult der Philharmoniker gestanden. Seine letzten Konzerte fanden im Mai 2013 statt, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Da wurde er mit stehenden Ovationen gefeiert. In Erinnerung ist mir geblieben, wie der sichtlich erschöpfte und schmale, von seiner Krankheit gezeichnete Dirigent noch einmal auf die Bühne zurückkam, allein dastand, denn das Orchester und große Teile des Publikums waren schon gegangen, und glücklich in den Saal schaute.

Nach dem Adagietto beginnt das ursprünglich geplante Konzertprogramm. Es ist eine glückliche Fügung, dass Anton Weberns Sechs Stücke für Orchester vorgesehen sind. Claudio Abbado, der sich auch der Zweiten Wiener Schule verbunden fühlte, hat die Stücke in seiner Berliner Zeit mehrfach aufgeführt. Die Sechs Stücke sind die jüngere Schwester vom Mahlerschen Adagietto. Webern hat seine Musik in Erinnerung an seine verstorbene Mutter geschrieben, es gibt einen stilisierten Trauermarsch darin. Im Gegensatz zu Abbado, der in der Musik gerade auch die Zerbrechlichkeit aufspürte, lässt Mehta mehr die Zartheit fließen.

Immer ein Ohr am Orchester

Die beiden Hauptwerke des Abends spielten mit diesseitigen Auseinandersetzungen. Beethoven haderte mit seiner Begeisterung für die Revolutionsideale und seiner Abneigung für den machtgierigen Napoleon, in jener Zeit, als er sein fünftes Klavierkonzert schrieb. Rudolf Buchbinder gehört zu jenen souveränen Pianisten, die immer ein Ohr am Orchester haben und ein Auge auf den Dirigenten werfen. So war ein wunderbares Wechselspiel ohne jede künstlerische Eitelkeit zu erleben. Lediglich im Adagio konnte es sich Buchbinder nicht verkneifen, gegen das allzu Gefällige anzuspielen. Der Virtuose wusste die Philharmoniker als sichere Partner an der Seite.

Nach der Pause dann „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss. Ein Gigantenstück, das die Philharmoniker unter Mehta weniger in seiner Bodenhaftung als in seiner Überreiztheit auskosteten. Es ist eigentlich ein Beitrag zum Strauss-Jubiläum. Das „Heldenleben“ ist ein Künstlerleben mit seinen ganzen Fluchten, Aufschreien und Wehwehchen. Große Komponisten, so eine alte Erkenntnis, verarbeiten sich letztlich immer selbst. Nur, dass ein Strauss mehr Töne, mehr Fortissimo und deutlich mehr Musiker als ein Webern dazu brauchte.

Wenn Gedenkkonzerte auch zum Nachdenken anregen sollen, dann vielleicht einmal darüber, warum ein Musiker wie Claudio Abbado so charismatisch, so lebenserfahren auf seine Umgebung wirkte. Auch andere Menschen werden alt, aber nicht unbedingt weise. Womöglich ist es die langjährige, intensive Auseinandersetzung mit diesen widersprüchlichen, egomanischen Werken, die den Charakter und die Weltsicht formt. Die großen Dirigenten, zumal am Pult von Spitzenorchestern, sind schon zu beneiden.