Musikkritik

Ovationen für den jungen Pianisten Daniil Trifonov

Wunderpianist Daniil Trifonov kann einfach nicht anders. Er weint und blutet in Tönen, lässt den Steinway inbrünstig jauchzen und jubeln, hauchen und flüstern. Unaufhörlich schießt das Adrenalin durch seinen schlaksigen Jungenkörper.

Der 22-jährige Russe überrumpelt und überwältigt von Anfang an. Er zwingt das Publikum in die Knie, bannt und betört. Er schlägt spektakuläre Haken und Finten. Sein Klavierspiel rotiert in Sekundenschnelle zwischen feinfühligster Poesie und dolchscharfer Brutalität. Es ist ein Spiel am Rande des Nervenzusammenbruchs, ein Spiel der exzessiven Grimassen. Da ist dieser starre Stechblick, den Trifonov mal auf seine rasenden Finger heftet, mal wie irrsinnig in die leere Ferne bohrt. Da ist dieser groteske Weltschmerz, der seine Gesichtszüge fast vollkommen entgleisen lässt. Doch das nimmt man gerne in Kauf – solange der Pianist Igor Strawinskys selten zu hörende Serenade in A so märchenhaft lebendig zu erzählen vermag. Solange er Claude Debussy und Maurice Ravel derart virtuos und leichtgängig dahinperlt. Nach dreißig Minuten Dauerspannung knickt ein Dutzend Zuhörer erschöpft ein. Es setzt heftiges Husten und Keuchen, als habe man sich gegen Ravels „Miroirs“ verschworen. Trifonov merkt das, verlangsamt sein Spiel bis zur Zeitlupe. Er hypnotisiert die Störenfriede mittels meditativer Klangtäler. „Genial“, „sensationell“ und „Wahnsinn“ sind die häufigsten Worte, die hinterher durch das Pausenfoyer schwingen. Wie soll man auch sonst beschreiben, was Trifonov da im Kammermusiksaal veranstaltet?

Aufregend intuitiv und freizügig holt er in der zweiten Konzerthälfte Robert Schumanns „Symphonischen Etüden“ op. 13 aus den Tasten. Mal rauscht und pflügt er übervirtuos durch die Partitur, dann zelebriert er unendliche himmlische Längen. Er bietet einen Schumann der Extreme, einen Schumann voller Gefahren und Belohnungen. Trifonov erntet dafür Hochrufe und Ovationen. Ist ein neuer Vladimir Horowitz geboren? Trifonov ist ein genialischer Publikumsmagnet. Schon jetzt füllt er den Kammermusiksaal mühelos bis unter die Decke. Dabei hat seine Karriere gerade erst begonnen.