Historie

Ein neuer Blick auf die Stadt

Ein Bildband über den Berliner Bildhauer Gustav Seitz veranschaulicht, wie sehenswert Kunst im öffentlichen Raum sein kann

Zwei Frauen, nebeneinander sitzend, und doch einander zugewandt. Die Geste der Umarmung der einen führt die suchende Hand der anderen weiter, ihre sitzenden Körper bilden einen geschlossenen Block. Diese Figurengruppe entwarf der gerade von Berlin nach Hamburg gezogene Bildhauer Gustav Seitz einst, um die Freundschaft zwischen den Städten Hamburg und Berlin darzustellen. Doch dann kam der August 1961, die Mauer teilte die eine Stadt, sie begrenzte die Freundschaft, und aus der Skulptur wurde erst einmal – nichts.

Kunst im öffentlichen Raum, das sind heute vor allem spontane Interventionen in der Stadt. Aktionen einzelner, wie die am Rosenthaler Platz, als Lepe Rubingh über Nacht Farbpfützen auf der Torstraße auskippte, aus denen die Autos, Räder und die Fußgänger im Laufe des Tages ein Bild auf die Fahrbahn malten. Happenings, bei denen der Name der Künstler oft unerkannt bleibt. Straßenkunstobjekte, die nicht in Auftrag gegeben werden von jemanden, der ein bleibendes Denkmal setzen will. Diese Straßenkunst entdeckt man im Vorbeilaufen, wie die „angezogenen“ Laternenmasten und Pfosten, die das Guerilla-Knitting bestrickt hat. Die Künstler setzen auf vergängliches Material, das von der Umwelt verändert und letztendlich wieder ausgelöscht wird.

Natürlich gibt es heute immer noch die in Auftrag gegebene Kunst im öffentlichen Raum, die aber nimmt kaum einer wahr. Was man präsent hat, sind die beiden Pole: Monumental, staatstragend und massiv waren die Denkmäler, die die einstigen Herrscher sich setzten, klein, vorübergehend und privat ist die heutige Kunst auf der Straße.

Kunst im Alltag

Dabei gibt es noch ganz andere Kunst im öffentlichen Raum. Sie stellt keinen Herrschaftsanspruch, sie will nicht intervenieren. Zumeist macht sie den Park, die Straße oder den Platz, an dem sie steht, einfach ein bisschen schöner, unterscheidbarer, persönlicher. Das liegt daran, dass sie aus einer anderen Zeit stammt. Nach dem Krieg begann man, überwiegend im Osten, die Hoffnung auf die neue Demokratie auch in für alle zugänglicher Kunst im Alltag auszudrücken. Überall entstanden Figurengruppen am Straßenrand, Bronzeskulpturen im Park, Büsten auf der Wiese, Plastiken vor neuen sozialen Wohnprojekten.

Diese Kunstbewegung ist etwas in Vergessenheit geraten. Sie erblühte als auch der Bildhauer Gustav Seitz wichtige Werke schuf. Ein neuer Bildband mit dem Titeln „Eva, Venus und die Manns“ erinnert jetzt daran. Am Beispiel von Gustav Seitz wird erzählt, wie es um die Werke im öffentlichen Raum bestellt ist. Der Fotograf und Autor Reinhard Krause ist an Seitz Wirkungsstätten gereist und hat eine Bestandsaufnahme der Plastiken und Skulpturen gemacht. Was ist noch übrig geblieben von Seitz Arbeiten in Freiheit? Sind sie beschädigt, besprüht, vergessen?

Die bange Frage ist berechtigt: In einer Novembernacht 2011 hatten Diebe in Hamburg mehrere Skulpturen schlicht abgesägt, nicht, um sie als Figur zu verkaufen, sondern nur, weil sie am Material interessiert waren. Die Große Kniende von Seitz aber fand Krause unversehrt vor. Sie hatte Glück, oder vielleicht auch nur zu massive Oberschenkel, stellt Krause fest.

Gustav Seitz (1906- 1969) lebte von 1925 bis 1958 in Berlin. Er studierte an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Charlottenburg. 1946 wurde er auf den Lehrstuhl für plastisches Gestalten an der Technischen Universität berufen, 1947 bekam er einen Ruf als Professor an die Hochschule für Bildende Künste. Er bezog ein Atelier an der Kantstraße. Seine Frau wechselte im selben Jahr mit Hans Scharoun an das Ost-Berliner Akademie Institut für Bauwesen, aber nur für wenige Monate. 1950 macht Seitz selbst einen Schritt nach Osten. Er wird Gründungsmitglied der Deutschen Akademie für Künste und in der Folge aus seinen Ämtern in West-Berlin entlassen. Seitz zieht um nach Pankow, behält aber sein Atelier in Charlottenburg. Den Entwurf zur Freundschaft zwischen Hamburg und Berlin hat Seitz übrigens später dann übrigens doch noch genutzt, für die Figurengruppe „Mutter und Braut“ für den deutschen Soldatenfriedhof in Helsinki.

Seitz Werke, wie die vieler andere Künstler der Zeit, werden heute oft übersehen. Ganz anders war es, als er sie aufstellte. „Der Hüter“, ein deformierter Männertorso vor einer Polizeiwache, löste 1961 einen Skandal aus. Auch die „Danae“, die hingebungsvoll auf einer Wiese vor einer Frauenklinik ihren Liegeplatz fand, sorgte für helle Aufregung. Die Schwesternschaft drohte mit Kündigungen, falls diese mythologische Dame weiter ihre geöffneten Schenkel dem Vorbeigehenden präsentieren würde. Und im Januar 2013, auf einem der fragwürdigen Höhepunkte der Schwabenhass-Debatte kippten ein paar Irregeleitete Seitz Skulptur der Künstlerin Käthe Kollwitz Spätzle über den Kopf.

Krauses Bildband lädt nun dazu ein, die Kunst auf der Straße neu zu betrachten und Seitz Werk zu entdecken. Mit viel Liebe zu Detail und Perspektive zeigen Krauses Aufnahmen die Plastiken und Büsten aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und Gegenüberstellungen. Sie sind eine schöne Anregung, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Reinhard Krause : Gustav Seitz. Eva, Venus und die Manns. Gustav Seitz Stiftung, Hamburg, 49,60 Euro