Literatur

Hufen für Mr. Präsident

Der Amerikanerin Karen Russell gelingen aberwitzige Erzählungen

Das Inhaltsverzeichnis, unendliche Weiten. Zumal wenn es ein Inhaltsverzeichnis von Karen Russell ist, die sich im Möglichkeitsgeschäft der Literatur auf das Ungeahnte spezialisiert hat. „Vampire im Zitronenhain“ verspricht die Titelstory ihres neuen Erzählungsbands, der weitere „Inhalt“ listet in der jedem Inhalt eigenen, hier jedoch irgendwie aberwitzigen Nüchternheit „Die 1979er Landung des Seemöwenheers am Strong Beach“ auf, erwähnt einen „Stall am Ende unserer Amtszeit“, der mithin nicht im Raum, sondern in der Zeit zu liegen scheint, oder kündigt „Dougbert Shackeltons Regeln für antarktische Fanveranstaltungen“ an. Dabei weiß doch jedes Kind, dass heutzutage kein Mensch mehr Dougbert heißt.

Es gibt grundsätzlich nur zwei Sorten von Kurzgeschichten in Amerika: Die eine ist realistisch, dank ihres offenen Endes meist ein wenig rätselhaft und geht auf Anton Tschechow zurück; die andere ist noch rätselhafter, weil vielleicht ein bisschen irre, und verdankt sich dem unnachahmlichen Jorge Luis Borges, der Inhaltsverzeichnisse wie Karen Russell schrieb.

Karen Russells Vampir im Zitronenhain zum Beispiel hat den Preis für die Einhegung seiner gefährlichen Leidenschaft bezahlt: Seit er statt Menschen sorrentinische Zitronen aussaugt, kann er nicht mehr fliegen. Der Vampir entpuppt sich so als Tropus: „Die meisten Leute“, sagt der alte Mann, von dem diese Erzählung eigentlich handelt, „halten mich für einen netten kleinen italienischen Großvater“.

Nach diversen Auszeichnungen, Stipendien, einem Beinahe-Pulitzerpreis, mehreren „Best American Short Stories“ und mittlerweile drei Büchern ist Karen Russells große Stärke hinlänglich bekannt: Sie kann Emotionen in Plot übersetzen und Gefühlswelten gestalten, bis die Gefühle der eigentliche Schauplatz sind: In „Swamplandia“ wurde aus der Pubertät ein Florida-Sumpf – die Methode ist im Zitronenhain dieselbe und ebenso der Effekt: Es hat bei allem Ernst auch etwas befreiend Komisches, den Menschen in den Kulissen seiner Wehen und Wallungen zu sehen.

Es hat gelegentlich auch etwas Karnevaleskes. „Der Stall am Ende unserer Amtszeit“ entpuppt sich zum Beispiel als Scheune, in der lauter amerikanische Präsidenten stehen: Rutherford B. Hayes, Warren Harding oder Dwight D. Eisenhower sind offenbar als Pferde wiedergeboren worden.

Hier gibt es Punkte für die schiere Idee; noch staunenswerter aber ist, wie Karen Russell diese Erzählung ins Transzendentale wendet, ohne die Komik an den Ernst oder den Ernst an die Komik zu verraten. Gleich hinter der Scheune verläuft ein Zaun, den zu überspringen wohl loszulassen bedeutet. Und was dem Vampir („ich sterbe nicht“) noch misslingt, gelingt dem Pferdepräsidenten. Ein Happy End, wie es sich Russell oft erschreibt.

Karen Russell: „Vampire im Zitronenhain". Übers. v. Malte Krutzsch. Kein & Aber. 320 Seiten, 19,90 Euro