Rückblick

Mama, Papa, Rambo

Wieviel Talent hat ein Kind? „Paperworlds“ zeigt Zeichnungen heute bekannter Künstler

Den geliebten Teddy, vereinfachte erste Selbstporträts, die Familie mit Vater, Mutter, Kind, bestimmte Festlichkeiten wie Geburtstage und Ostern – all das hätte man in Kinderzeichnungen erwarten können.

Auch Ritter und Schiffe. Aber nackte Männer und Frauen wie auf der Filzstiftzeichnung von Tal R im Alter von sieben bis acht Jahren, eine kleinteilige Tuschezeichnung mit Füllertinte von den Plakaten der Rambofilme I bis III des 12- bis 13-jährigen Ralf Ziervogel und eine abgründige Rocksängerballade mit Porträt eines fiktiven Popbarden in Bleistift wie bei John Bock im Alter von acht Jahren verblüffen wohl eher.

Im „me Collectors Room“ der Stiftung Olbricht haben die beiden freien Kuratorinnen Valeska Hageney und Sylvia Volz 60 Kinder- und Jugendzeichnungen von 19 Künstlern internationalen Ranges zusammengetragen und unter dem Titel „Paperworlds“ eine herrliche Ausstellung daraus gemacht. „Als meine Mutter mich bat, meine alten Kinderzeichnungen durchzusehen, erinnerte mich eine an einen Künstler, der jetzt gar nicht in der Ausstellung vertreten ist. Und ich fragte mich, wie wohl dessen eigene Kinderzeichnungen ausgesehen haben“, erzählt Valeska Hageney. „Und so kam die Idee zu der Ausstellung.“

Darauf kontaktierten sie diverse renommierte Gegenwartskünstler und baten sie um ihre Kinder- und Jugendzeichnungen. „Manche hatten nichts aus dieser Zeit“, erinnert sich Slyvia Volz, „andere fragten ihre Eltern danach und stellten uns ihre Arbeiten zur Verfügung. Wieder andere wie Via Lewandowsky und Jonathan Meese hatten so viele davon, dass wir eine Auswahl treffen konnten.“

Und nun versammeln sich in der Auguststraße Künstler wie Rosemarie Trockel, Katja Struntz, Olaf Holzapfel, Norbert Bisky, Andy Hope und geben Einblick in ihre kindlichen Fantasie- und Bilderwelten. Und tatsächlich möchte man dem Gedanken Gustave Couberts zustimmen, Kunst könne man nicht lehren, sie sei vielmehr eine individuelle Gabe. Denn viele dieser frühen Arbeiten übertreffen die durchschnittliche Kinderzeichnung bei weitem, sind ausdifferenzierter im Stil, fantasievoller in der Wahl der Themen und origineller in der Interpretation. Bei Tal R und Ralf Ziervogel meint man die spätere Linie schon ablesen zu können, auch John Bock scheint schon in jungen Jahren Gefallen an makabren Rollenspielen und der ihm eigenen Fabulierlust gefunden zu haben.

Doch in den geordneten, mitunter niedlichen Kompositionen von Jonathan Meese deutet nichts die anarchistisch-aggressive Rebellion seiner späteren Bildwelten an. Außer vielleicht ein beiläufig in einer Badewanne Ertrinkender in der eher idyllisch gehaltenen Studie eines Mehrparteienmiethauses, der 12-jährige Meese malte es in Filz- und Bleistift. Den jungen Künstlern wurde alles zum Motiv: die Familie, Feste, Märchen, aber auch Mediales wie Science-Fiction-Welten aus „Krieg der Sterne“ etwa in dem Darth-Vader-Porträt des zwölfjährigen Andy Hope oder dem mit Filz- und Buntstift in Popfarben nachempfundenen Weltraumkampf á la Perry Rhodan des elf Jahre alten Michael Kunze.

„Als Kind ist jeder ein Künstler“, sagte einst Picasso, „Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“ Solche Erkenntnisse faszinierten vor allem Künstler der Moderne wie Kandinsky, Klee, Kokoschka, Miró, Chagall und andere, die sich die kindliche Unvoreingenommenheit auch später als Inspirationsquelle für ihre avantgardistischen Werke nutzten. Umso erstaunlicher ist es, dass vorher niemand auf die Idee gekommen ist, die geheimen Schätze aus Kinder- und Jugendtagen Bisky, Meese & Co. zu heben.

Me Collectors Room/Stiftung Olbricht, Auguststr. 68, Mitte. Di-So 12-18 Uhr. Bis 6. April.