Theater-Kritik

Heile „Grips“-Welt: Konflikte sind nur Missverständnisse

„Schnubbel“ wird gemobbt, nun wird geredet

Alles wird gut. Wie immer, denn auf der Bühne des Grips-Theaters hat sich noch für jedes Problem eine Lösung gefunden. Schulhofmobbing ist dieses Mal das Thema, und das Theaterstück dazu hat der Grips-Begründer Volker Ludwig selbst geschrieben. Sein Erfolgsrezept, seit bald 45 Jahren: Zuhören und Verstehen. So finden die Erwachsenen in seinen Stücken einen Zugang auch zu den vermeintlich schwierigen Kindern. Und einmal mit Herz und Hirn durchdrungen, entpuppen sich Konflikte als bloße Missverständnisse.

Missverstanden ist anfangs auch Tim, von seiner Mutter „Schnu genannt. Er ist ein bisschen dick – unter der Latzhose des Schauspielers Paul Jumin Hoffmann beulen sich Schaumstoffpolster. Auf dem Pausenhof wird „Fetti“ von Samira und ihren Kumpels Leila und Bodo übel angemacht. Die drei wissen genau, wie sie ihn provozieren müssen, damit er in blinder Wut um sich schlägt. Dann nennen sie ihn „Hauer“ und verpetzen ihn bei der Klassenlehrerin. Wie Regisseur Yüksel Yolcu subtil das Zusammenspiel von Macht und Unsicherheit inszeniert, das ist grandios: Mit unauffälligen Blicken versichern sich Leila (Maria Perlick) und Bodo (Kilian Ponert) immer wieder der Linie von Samira (Nina Reithmeier), die im Provokanten- Trio den Misston angibt.

Samira hat Energie, Ausstrahlung und ein gutes Moralverständnis. Doch der Frust über ihre ewig abwesende Mutter hat sie aggressiv gemacht. Auf dem Höhepunkt einer Rangelei spuckt sie Tim ins Gesicht, um vor den anderen beiden nicht als Weichei zu gelten. Tim zittert schockstarr, und nie wieder will er in die Schule zurück. Nachhause will er aber auch nicht: Seine Mutter (Katja Hiller) findet er doof, weil sie ständig schimpft und nie für ihn da ist – eine Alleinerziehende mit wechselnden Jobs und überstrapazierten Nerven.

Tim wird zum „Abhauer“. Er schwänzt die Schule und streunt durch den Kiez, der als digitale Fototapete auf die Bühnenrückwand projiziert wird. Während ihn die anderen suchen, lernt er den Spätibetreiber Johnnie (Christian Giese) kennen. Wie in einem Grips- Stück üblich, entdeckt der berufsjugendliche Verkäufer das bislang unerkannte Potential des gekränkten Jungen – Tim kann singen und reimen.

Nach etlichen Verwirrungen versöhnt Frau Bickel die Vier schließlich in einer Aussprache im Klassenraum. Gemeinsam treten sie dann beim Schulfest auf, inszeniert wie HipHop-Stars. Die Zuschauer ab sechs Jahren klatschen begeistert mit – bis grips-harmonisch Tims erster eigener Song erklingt, „Paprika macht schlank”. Das reimte sich auf „Alleine sein macht krank”, aber nun sind alle Beteiligten ja auch eine große Familie. Sämtliche Konflikte erscheinen in einem stabilen Endzustand aufgehoben – eine Utopie, die das Grips alter Schule stets als realistische Möglichkeit beschwört.