Theater-Kritik

Im Hau 3 wird der Zuschauer an den Spieltisch gebeten

Am Golde hängt, zum Golde drängt immer noch alles. Wobei das, was da vor uns auf dem Tisch passiert, den alten Zusammenhang zwischen Wert und Gewicht auf beeindruckende Weise wiederherstellt.

Unser Gastgeber in Frack und Fliege sortiert einen großen Stapel mit 10- und 20-Euro-Scheinen. Die einen kommen nach links, die anderen nach rechts. Irgendwann beginnt sich die Tischplatte leicht in die Richtung der 20er zu neigen, immer tiefer, bis der Gastgeber mit einem (natürlich präparierten) 100er-Schein ausgleicht. Um unseren Bezug zum Euro geht es in Begüm Erciyas „Eine Spekulation“ im HAU 3. Die Choreografin und studierte Molekularbiologin nimmt unser Verhältnis zum Geld ziemlich humorvoll unter die Lupe. Sie bittet das Publikum an drei Tische, wo die Gastgeber mit Croupier-Appeal auf Englisch das Thema Geld auf verschiedene Weise spiegeln. Bei uns teilt Felix Marchand gefaltete Euro-Scheine aus, immer wieder steuern die Handlungen an den einzelnen Tischen auf einen gemeinsamen Punkt zu. Bei allen geht es jetzt um Jean-Claude Trichets Signatur, die von einem Graphologen interpretiert wird.

Aus der Gleichzeitigkeit der Handlungen ergibt sich eine Art Supermarktkassen-Effekt: Wo dort immer die eigene Schlange am längsten scheint, hat man hier den Verdacht, dass an den Nebentischen die spannendsten Dinge verhandelt werden. Zwischen Casino-Atmosphäre, Magie und schwarzer Messe vibriert der Raum, in dem Scheine an Ballons aufsteigen. Frei von Krisenrhetorik wird hier nicht mit Werten spekuliert, sondern über den Wert von Geld. Einige im Publikum scheinen den lässig zu nehmen, andere zucken zusammen, wenn ein Schein zerreißt oder in Flammen aufgeht.

HAU 3, Tempelhofer Ufer 10, 25900427. 18./19., 23./24. Januar