Kunst-Kritik

Auch der nackte Mann gehört ins Museum

Die Schau im Schloss Britz widmet sich einem alten Tabu

Ist das Bild des nackten Mannes wirklich noch ein Tabu? Zwei österreichische Museen waren 2013 offensichtlich dieser Ansicht und konzipierten unabhängig voneinander Ausstellungen, welche die männliche Nacktheit ins Zentrum rückten und damit völlig ungeniert auf eine voyeuristische Perspektive des Publikums schielten. Das Leopold Museum in Wien exportierte „Nackte Männer“ sogar ins Musee d’Orsay in Paris, und die Ausstellung „Der Mann nackt“ aus dem Lentos Museum in Linz ist als abgespeckte Version zurzeit im Schloss Britz in Berlin zu sehen.

Dem vermeintlich tabuisierten Thema nähert sich die Ausstellung auf ziemlich vorsichtige Weise. Kuratorin Sabine Fellner will die Besucher wohl noch schützen vor dem Überangebot exponierter Männlichkeit, sie ordnet den mit 80 Kunstwerken illustrierten Parcours in psychologisierende Kategorien. Sie erzählt von der Endlichkeit des Lebens, das in der Unbekümmertheit des Knabenalters beginnt, aufblüht und reift, um dann zu vergreisen. Körper stehen mal für Natürlichkeit und virile Kraft, dann wieder für Verletzlichkeit und Einsamkeit. Als Abschluss der Schau werden die Männer dann aber doch noch zurückgeworfen auf ihr Geschlecht.

Bernhard Prinz fotografierte einen Jüngling in aufreizender Pose, wie sie aus der Werbung seit langem vertraut ist. Doch die Makellosigkeit verunstaltet eine lange Narbe auf dem Bauch, die man erst bei längerem Hinsehen entdeckt. Der schöne Körper verwandelt sich so langsam in ein Objekt des Schmerzes. Sabine Jelinek spielt mit ihrer sachlichen Aktfotografie „David on the Staircase“ auf Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“ an von 1912, der in kubistische Einzelbilder zersplitterte und zu einem Klassiker der Moderne wurde. In solchen Zitaten oder Gegenüberstellungen wird der veränderte Umgang mit dem Modell deutlich. Etwa wenn ein stilisierter Rückenakt von Robert Mapplethorpe aus dem Jahr 1979 auf ein fünfzig Jahre älteres und eher akademisches Pastell von Hans Franta trifft. Oder wenn der nationalsozialistisch geprägte Körperkult der Dreißigerjahre mit Persiflagen auf das Bodybuilding von heute kontrastiert wird.

Dass Künstler noch nie die Scheu hatten, den nackten männlichen Körper zu inszenieren, zeigt die Abteilung Natur. Hier beweisen Aufnahmen des US-amerikanischen Malers Thomas Eakins, wie er schon im späten 19. Jahrhundert die Fotografie für die Komposition seiner realistischen Gemälde einsetzte. Wilhelm von Gloedens Darstellungen junger Männer markieren die Schwelle zwischen künstlerischer Aktfotografie und homoerotischer Pornografie um die Jahrhundertwende. Die Künstlergruppe Gelitin aber treibt das unerschöpfliche Thema zeitgemäß ironisch auf die Spitze: Für ihre Performancereihe „Ständerfotos“ entgegneten sie erhabenen Berglandschaften mit der Zurschaustellung einer Erektion.

Schloss Britz, Alt-Britz 73. Di-So, 11-18 Uhr. Bis 19.1.