Theaterkritik

Kampfmanifest auf der Bühne

„Small Town Boy“ am Gorki Theater wird zur wenig ergiebigen Coming-Out-Ballade

Zärtlich umkreisen sich die beiden jungen Männer, fallen sich in die Arme, taumeln, stürzen, lösen sich voneinander. Es ist, als wollte dieser Pas de deux den Ausruf von eben illustrieren: „Wir werden nie eins!“ Eine intensive Beziehungsauseinandersetzung ist das, wehmütig, melancholisch, ziemlich privat.

Und doch enorm politisch. Homosexualität – ist das ein Thema? Zumal in Deutschland, wo nach Politikern und Fernsehleuten jetzt sogar Ex-Fußballer schwul sein dürfen? Falk Richter beantwortet diese Frage in „Small Town Boy“ am Gorki Theater mit einem großen Ja. Eigentlich geht es in dem Projekt um die üblichen Richter-Themen, um Vater und Söhne, Provinz und Berlin, das Zusammensein-Wollen und nicht Zusammensein-Können, die Verflechtung des Privaten mit dem (Wirtschafts-)Politischen. Dazu kreist die Flokati-Drehbühne, spielen sich die formidablen Schauspieler durch angerissene Szenen und Dialoge, und immer wieder stellt einer fest: „Das ist nicht meine Rolle, das ist nicht mein Text.“

Hübsch ist das und oft nahe am Kabarett, diesmal mit Coming-Out-Anekdoten und durchaus selbstkritischer Haltung zur schwullesbischen Szene, wo andere Minderheiten nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden. Klug und witzig, wie er mit dem Softporno-Bestseller „50 Shades of Grey“ alle sexuellen Kategorisierungen von normal und unnormal durcheinanderwirbelt. Dabei ergeben sich herrliche Miniaturen: Umwerfend komisch Niels Bormann und Lea Draeger von der Schaubühne, Mehmet Ateşçí singt hinreißend, Aleksandar Radenković und Thomas Wodianka tupfen ihre Paarkonstellationen leicht und nuanciert hin. Alles richtig, aber auch ein bisschen harmlos, dieser Abend. Bis Wodianka zwischen Bildern von Putin und Merkel, Pussy Riot und verletzten schwulen Demonstranten zum großen Wutmonolog ansetzt. Laut brüllt er seinen Hass auf Putins Propaganda-Gesetze heraus und alle, die ihm den Steigbügel halten. Auf die Spießer, die gerade massenweise eine homophobe Petition gegen Baden-Württembergs Bildungspläne unterschreiben. Auf Merkel und Ilse Aigner, die ein konservatives Familienbild propagieren, aber nicht leben.

Dieser Monolog schießt übers Ziel hinaus, ist undiplomatisch und literarisch nicht ergiebig. Aber er ist zugleich ein politisches Kampfmanifest. Hier wirbt niemand um Verständnis. Hier macht einer seine Position klar. Selten war Richter unironischer, eindeutiger, relevanter. Nach zwei Stunden bleibt jedenfalls jede Menge Diskussionsstoff.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2. Wieder 15. 1., 19.30 Uhr.