Konzert-Kritik

Menahem Presslers tragisch spätes Debüt in der Philharmonie

Ach, wäre dieses Philharmoniker-Debüt doch früher zustande gekommen! Menahem Pressler, mittlerweile 90jährig, steuert seinen kleinen Körper vorsichtig gen Podium.

Empfängt bewundernde Blicke von Orchester, Dirigent und Publikum. Lächelt gerührt über die späte Erfüllung eines langgehegten Traumes. Aufmerksam schaut Pressler in die antiquarische Partitur von Mozarts G-Dur-Klavierkonzert KV 453. Hört, wie die Berliner Philharmoniker ungewöhnlich leicht und zärtlich in die Orchesterexposition schweben, die Dynamik dimmen, wohlwollende Akzente streuen. Und dann ist er plötzlich da, der magische Anschlag Presslers, der klarsichtige lyrische Ton, wie ein Gruß aus ferner Vergangenheit.

Es entstehen Gesänge von kindlicher Vollkommenheit, von purer Schönheit. Doch alsbald überwiegen leider Wehmut und Tragik. Denn Presslers Körper, der einen noch immer so regen musikalischen Geist beherbergt – er ächzt erschöpft vor hohem Alter, möchte ausruhen, verweigert bei virtuosen Läufen präzise Dienste. Die Philharmoniker geraten ins Trudeln, schalten zögerlich von einem Gang in den nächsten. Sie fahren Schlangenlinien, um sich Pressler anzupassen. Und trotzdem: Der ganze Saal erhebt sich nach diesem Mozart. Er feiert den 90-Jährigen in tiefer Zuneigung. Er würdigt Presslers grandiose Lebensleistung.

Über 50 Jahre hatte der Pianist das Beaux Arts Trio mit kraftvoll weiser Hand geführt. Ein legendäres Ensemble, das jahrzehntelang höchsten Kammermusik-Genuss garantierte. 2008 erklärte Pressler das Beaux Arts Trio für aufgelöst und wandelte fortan vor allem auf solistischen Pfaden. Nun neigt sich auch diese späte zweite Karriere hörbar dem Ende zu. Presslers Zugabe an diesem Abend, Chopins cis-Moll-Nocturne ohne Opuszahl, klingt wie ein elegischer Abschied voller Himmelfahrtsmomente. Ein weiteres Mal wird der Pianist wohl nicht nach Berlin kommen. Ein sichtlich ergriffener Dirigent Semyon Bychkov bahnt sich hinterher den Weg durch das Orchester. Den Philharmonikern wirbeln derweil Publikumsstürme entgegen.