Musik

Reinpusten kann jeder

Die große Zeit der Blockflöte ist vorbei. Aber das hat das Instrument nicht verdient. Eine kleine Kulturgeschichte

Was ist schlimmer als eine Blockflöte? Wem je das spezifische Fiepen flötender Kinder, Enkel oder gar flötender Grundschulklassen ins Ohr drang, der wird die Antwort auf die Frage ohne Nachdenken beantworten können: zwei Blockflöten.

Ja, sie ist groß, die schweigend duldende Menge der Blockflötenopfer. Auf beiden Seiten übrigens, wie der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel in seinem Roman „Tristanakkord“ schildert: „Die Mahnung der Lehrerin, die Mundwinkel einerseits fest verschlossen und andererseits doch beweglich zu halten, führte bei Georg und den meisten der Mitschüler zu starr verschlossenen Mundwinkeln, durch die sich irgendwann ein nicht mehr zu kontrollierender Speichelfluss seinen Weg nach draußen suchte.“

Nur 50.000 Blockflötenschäfchen

Wundert es da, dass sich die Zahl der Blockflötenschüler in den letzten zwei Jahrzehnten halbiert hat? Während der Verband deutscher Musikschulen 1995 noch rund 100.000 Blockflötenschäfchen zählte, waren es 2012 noch gut 50.000. Das Klavier hält dagegen seit Jahr und Tag die Spitzenposition, die Gitarre hat stark aufgeholt, sogar die Geige ist mittlerweile an der Blockflöte vorbeigezogen. Und das, obwohl alljährlich am 10. Januar der Tag der Blockflöte begangen wird.

Jahrzehntelang galt die Blockflöte nicht nur als idealer Einstieg für den Instrumentalunterricht, sondern sie wurde auch im Gruppenunterricht in Schulklassen eingesetzt. Doch wie sich die Zahlen in den Berliner Schulen verändert haben, das weiß nicht einmal die Schulsenat genau. Da müsste man bei den einzelnen Musikschulen nachfragen.

Das Ganze ist eine urdeutsche Angelegenheit. In den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zog es die jungen Leute im Gefolge der Wandervogelbewegung in die Natur. Man propagierte Freikörperkultur, ging am Wochenende auf Fahrt und sang und spielte Volkslieder.

Dabei stand nicht die künstlerische Leistung im Mittelpunkt, sondern das Gemeinschaftserlebnis. Weshalb ein findiger Instrumentenbauer namens Peter Harlan auf die Idee kam, die Blockflöte so zu vereinfachen, dass Tonarten mit wenigen Vorzeichen, besonders C-Dur, leicht zu greifen waren – zu Lasten von Tonarten mit mehr Vorzeichen. Die umgestaltete Blockflöte trat unter dem Label „deutsche Griffweise“ ihren Siegeszug an. Das war die Geburtsstunde des musikalischen Breitensports.

Die Blockflöte ist nicht nur leicht zu bedienen, sie ist auch noch unschlagbar billig. Das Basismodell eines großen japanischen Herstellers, Kunststoff, Sopranlage, Doppelloch, mit Tasche, kostet im Internet 7,50 Euro und im Fünferpack 7,20 Euro. Schulen kaufen da gleich ganze Klassensätze. Wenn eine Klasse gar zu sehr in die Flöten gepustet hat, tut man sie in die Spülmaschine. Außerdem gibt es keine Stimmprobleme wie bei der Holzflöte. Man drückt einfach nur die Teile zusammen. Solche Dinge sind in der Schulpraxis sehr wichtig.

Über die Attraktivität des Instruments sagen diese Vorzüge freilich wenig aus. Die schieren Zahlen aber auch nicht. Die Gründe für den Rückgang sind nämlich vielfältig. „Es gibt heute mehr Auswahl“, sagt Kent Pegler von Thun, der Präsident des Verbandes der Blockflötenlehrkräfte European Recorder Teachers’ Association (ERTA) in Deutschland. „Die Grundschulkinder können geeignete Anfängerinstrumente ausprobieren, bevor sie sich für eines entscheiden. Mit dem Kinderfagott oder der kleinen Chalumeau als Vorstufe der Klarinette können schon kleine Kinder anfangen. Früher mussten sie ein paar Jahre wachsen, bis sie groß genug waren, und überbrückten mit der Blockflöte.“

Ein weiterer Grund für das Ende der Blockflötenhegemonie ist, dass in den Schulen heute viel mehr studierte Musiklehrer unterrichten als früher. Für allgemein ausgebildete Grundschullehrer dagegen ist die Blockflöte oft schlicht das einzige Instrument, das sie sich zutrauen. Aber ist die Blockflöte auch uncool, wie es oft reflexartig heißt? Klar, es gibt kein Zugpferd wie den Geiger David Garrett. Der letzte wirkliche Blockflöten-Star war Frans Brüggen, und das ist nun wirklich ein paar Jahrzehnte her.

Das wirkliche Problem liegt woanders. „Ein Anfängerinstrument? Das ist ein Irrtum!“, sagt Peter Holtslag, Professor für Blockflöte an der Hamburger Musikhochschule. „Ich finde es eines der heikelsten Instrumente für Kinder überhaupt. Es verlangt eine Feinmotorik von Fingern, Zunge, Mund und Atem, die es sehr schwierig macht, einen wirklich angenehmen Klang herzustellen.“ Mit anderen Worten: Reinpusten und einen Ton herausbekommen kann jeder – aber einen befriedigenden Klang zu entwickeln ist hohe Kunst. „Kinder haben anspruchsvolle Ohren“, ist Holtslags Erfahrung. „Die reagieren sehr direkt. Sie können nicht in Worte fassen, was ihnen nicht gefällt. Sie mögen es dann einfach nicht.“

Hier zeigt sich das große Missverständnis, dem die Blockflöte all die Häme verdankt: Es gibt sie doppelt. Das Folterinstrument ist gar nicht die historisch überlieferte Blockflöte, sondern eine freche Kopie, ein billiger Abklatsch, nicht mal baugleich. Hier also Massenware – und dort die hoch differenzierte Spielkunst, wie sie im Konzertleben und immer wieder auch beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ zu erleben ist, auf Dutzenden von Modellen, in allen Größen von handlang bis mannshoch, und aus den edelsten Hölzern gefertigt. „Man hat – in der Spitze – die Blockflöte noch nie so gut gespielt wie heute. Wir haben neben zwei großen und qualitätsbewussten Herstellern viele exzellente kleine Manufakturen. Editionen erschließen die Literatur, die Forschung ist weltweit vernetzt“, sagt Ulrich Thieme, Holtslags Kollege von der Hannoveraner Musikhochschule. Er sieht sogar einen Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen. „Was massenhaft gespielt wird, wird auch massenhaft schlecht gespielt“, findet er. „Das ist ein Gesundschrumpfungsprozess.

Übrig bleibt am Ende die Qualität. Was ein Consort, also ein mit verschiedenen Blockflöten besetztes Ensemble, aus der überreichen Literatur gerade der Renaissance und des Barock an Stimmungen und Klangfarben beschwören kann und welch atemberaubende Virtuosität Künstler wie Dorothee Oberlinger oder Maurice Steger an den Tag legen, das hat mit den schalen Witzen, die über das Instrument kursieren, rein gar nichts zu tun.

Und für die Zukunft, Herr Holtslag? „Man muss mit der Blockflöte völlig andere Wege einschlagen“, sagt er, der ausgewiesene Interpret Alter Musik. „Pop und Improvisation, coole Sachen eben!“