Film

„Werft Fassbinder in siedendes Öl“

Nach 44 Jahren geben die Brecht-Erben endlich den „Baal“-Film von Volker Schlöndorff frei

Es muss am 21. April 1970 gewesen sein, da saßen Helene Weigel, die Witwe Bertolt Brechts, und der Lyriker Thomas Brasch, Sohn des stellvertretenden DDR-Kulturministers, im Brecht-Haus in der Berliner Chausseestraße und schauten West-Fernsehen. Das Erste sendete Volker Schlöndorffs Brecht-Verfilmung „Baal“ mit Rainer Werner Fassbinder in der Titelrolle. Die Weigel fand ihn „schauderhaft“ – und beließ es nicht dabei. Als Erbin gehörten die Rechte ihr, und sie verfügte noch am selben Abend, Schlöndorffs Film müsse im Archiv verschwinden. Seit 44 Jahren ist „Baal“ ein Film maudit, legendär, aber ungesehen.

Keine Zeit für Sport und Mäßigung

Dabei wäre einiges in der deutschen Filmgeschichte anders gelaufen, hätten sich nicht ein paar junge Leute 1969 in der Münchner Gaststätte „Hackerhaus“ getroffen, zum Dreh im Hinterzimmer, mit verhängten Fenstern. Da war Volker Schlöndorff, mit 30 schon der Star des jungen deutschen Kinos, mit „Mord und Totschlag“ nach Cannes eingeladen, mit den großen Franzosen von Malle bis Melville verkehrte er auf du und du.

Da war Rainer Werner Fassbinder, 24, der gerade seinen ersten Film („Liebe ist kälter als der Tod“) bei der Berlinale vorgestellt hatte. Da war Margarethe von Trotta, 27, die kleine Rollen spielte und sich bei Schlöndorff und Fassbinder das Regiehandwerk abguckte. Und da waren ein halbes Dutzend Leute von Fassbinders antitheater, die er ins Hackerhaus eingeschleust hatte: von Hanna Schygulla über Kurt Raab bis Irm Hermann.

Fassbinders Spezis waren vorher Sekretärin, Taxifahrer oder Handwerker gewesen. Er wollte Profis aus ihnen machen und bat Schlöndorff, sie als bezahlte Praktikanten zu beschäftigen. Er warf sie ins kalte Wasser – wie auch sich selbst, der morgens am Drehort erschien, wie in Trance dastand und doch keine Zeile vergaß. Dass er etwas nicht schaffte, das konnte nicht sein. Während der Dreharbeiten schnitt Fassbinder nachts seinen zweiten Film „Katzelmacher“, und ein Hörspiel schrieb er auch.

Vor Drehbeginn hatte ein Versicherungsarzt den Regisseur und seinen Hauptdarsteller vorschriftsgemäß untersucht und Schlöndorff ein Sportlerherz attestiert, dem jungen Fassbinder jedoch Muskelschwäche. Der Arzt empfahl Mäßigung und Sport, doch Fassbinder winkte ab, dafür hatte er keine Zeit, er musste die Filmgeschichte ein- und all ihre Regisseure überholen. Er war jetzt gleich alt wie Brecht, als dessen „Baal“ erschien, dieses Stück über einen schmarotzenden Dichter, das autobiografische Züge Brechts trägt – so wie man im „Baal“-Film ohne große Mühe Züge Fassbinders entdecken kann. Der Dichter Baal demütigt die Gattin seines Mäzens, versklavt eine minderjährige Geliebte, treibt einen Bewunderer in den Selbstmord, verlässt seine schwangere Freundin und krepiert erschöpft im Wald. „So wie als Baal vor der Kamera“, erinnert sich Schlöndorff in seinen Memoiren, „trieb Rainer es dahinter mit den Leuten seiner Truppe, nur Hanna Schygulla war ausgenommen und strahlte unberührt wie eine Madonna, im Film wie im Leben.“ Der Film „Baal“ wurde in der ARD zur Hauptsendezeit ausgestrahlt und löste einen Sturm der Entrüstung aus. Diesen Fassbinder müsse man „hängen“, „erschlagen“ oder „in siedendes Öl werfen“; die Beschwerdeführer hatten nicht bemerkt, dass es sich um ein Theaterstück handelte, keine Sozialreportage. Die Kritik hatte Schlöndorffs Intention besser begriffen, Baal als Wunschbild und Projektion der Unbekümmertheit, eine Rimbaud-Figur. „Brecht ist einer, der Soul hat“, sinnierte Schlöndorff damals, Baal ist das, was ein Schwarzer in den Staaten ist. So wie Baal ist und lebt, so müsste man eigentlich leben und sich benehmen können. Aber das ist in der Gesellschaft, in der wir leben, nicht möglich.“

Das Verdikt der Helene Weigel

Die Weigel hatte das durchaus begriffen, als sie mit Thomas Brasch (der mit ihrer Enkelin zusammen lebte) im Wohnzimmer saß. Brasch hat berichtet, wie sie gegen Fassbinders Darstellung wetterte: „Wenn der meint, mit Lederjacke und Zigarette im Mundwinkel sei er schon wie Brecht...!“ Ihr dürfte aber auch aufgestoßen sein, dass Brecht im Film nicht als staatstragender, sondern als anarchistischer Dichter dargestellt wurde. Und den Duktus des epischen Theaters hatte Fassbinder auch über Bord geworfen, ganz bewusst; er spielt eher beiläufig, ganz untheatralisch.

Und so verschwand „Baal“ in den Tiefen des Archivs. Jahrelang versuchte Siegfried Unseld, dessen Suhrkamp-Verlag die Brecht-Rechte im Westen vertrat, den Film wieder ans Tageslicht zu heben. Vergeblich, auch Brechts Sohn Stefan in New York konnte nicht helfen, seine Schwester Barbara Schall-Brecht hielt sich an das Verdikt der Mutter. Volker Schlöndorff schrieb nach dem Mauerfall an die Brecht-Erben und bat um Freigabe des Films, „den Frau Weigel seinerzeit mit einem Bann belegt hatte“. Postwendend kam die Watschn: „Zu Recht hat meine Mutter, Frau Weigel, Ihr Machwerk mit einem Bann belegt.“

Vielleicht bedurfte es einer anderen Gralshüterin, um die Festung zu nehmen. Also schickte Juliane Lorenz, Cutterin und Vertraute Fassbinders in seinen letzten Jahren und seit zwei Jahrzehnten treibende Kraft der Fassbinder Foundation, eine Email ans Brecht-Archiv; man wolle den „Baal“ bitteschön restaurieren. „Dazu kann ich im Moment keine Zusage erteilen“, lautete die Antwort. Das war immerhin keine glatte Absage mehr. Ein Treffen von Barbara Brecht-Schall und Juliane Lorenz wurde arrangiert. Man verabschiedete sich freundlich. Nichts geschah.

Bis, aus heiterem Himmel, Mitte 2011 eine Mail bei der Stiftung eintraf: Nun muss ich gestehen, es sind 40 Jahre her, und der Ruf von W. Fassbinder ist ja wirklich sehr groß. Ich würde jetzt erlauben, dass er auf DVD herauskommt.“ „Hallelujah, Juliane!“ jubilierte Schlöndorff, als er die Nachricht erhielt. „Wegen Fassbinder ja, wegen Schlöndorff nie! Egal, bin gerne mal das schwarze Schaf. Nun gibt es einiges zu tun.“ Und die Restaurierung ist jetzt getan. In vier Wochen, auf der Berlinale, erlebt einer der geheimnisumwitterten Filme des deutschen Kinos seine Uraufführung.