Opernumzug

Viele Worte, kein Termin

Frühestens im Frühjahr soll ein verlässliches Datum für den Rückzug der Staatsoper feststehen

Bloß keinen Termin nennen. Bloß nicht konkret werden. Das schwebte wie ein Mantra durch den Sitzungssaal 376 des Abgeordnetenhauses. Vorn saß der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD), ihm gegenüber am Anhörungstisch Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, flankiert von Mitarbeitern ihrer Verwaltung. Es ging am Montag im Kulturausschuss wieder einmal um die unendliche Sanierung der Staatsoper. Um den Zeit- und Kostenrahmen. Bleibt es beim derzeit aktuellen Eröffnungstermin, dem 3. Oktober 2015? Oder muss der ein drittes Mal verschoben werden?

Bereits zweimal verschoben

Der Termin könne erst im Frühjahr 2014 genannt werden, sagte Wowereit (SPD), Lüscher sprach sogar von „Frühsommer“. Erst dann könne die Bauverwaltung mit Gewissheit sagen, wann das Ensemble wieder in das historische Gebäude ziehen könne. Der Staatsoper nütze es nichts, wenn immer wieder neue Termine genannt werden, die dann nicht eingehalten würden. Eine Rückkehr der Staatsoper aus ihrem Übergangsquartier Schiller-Theater war zweimal verschoben worden, ursprünglich sollte das Stammhaus Unter den Linden, das für rund 300 Millionen Euro saniert wird, am 3. Oktober 2013 eröffnet werden.

Vertreter der Opposition sprachen von einem „großen Ärgernis“, die Bauverwaltung lasse die Öffentlichkeit im Dunkeln. Die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Sabine Bangert, kritisierte, dass sich die Bauverwaltung nur „scheibchenweise“ zum Ablauf der Sanierung äußere. Sie forderte Senatsbaudirektorin Lüscher auf, Zahlen und Termine auf den Tisch zu legen. Auch zu Spekulationen des Linken-Abgeordneten Wolfgang Brauer, die Staatsoper werde erst 2017 wieder eröffnet, äußerte sich der Senat nicht.

Anstelle von den gewünschten Antworten gab es eine Power-Point-Präsentation. Hochbau-Abteilungsleiter Hermann-Josef Pohlmann präsentierte die Fortschritte auf der Baustelle im vergangenen Jahr, eine Art Rechenschaftsbericht. Es war viel von Abdichtungen die Rede, von Trögen und Rohbauten, von Ringbalken und Verankerungen. Zu sehen war manchmal nicht sehr viel, einige Fotos waren ziemlich dunkel – und bei dem einen, das einen Bauarbeiter im Sonnenschein auf der Baustelle zeigte, ergänzte Pohlmann, dass der Mann lediglich für das Foto den Helm abgesetzt hätte. Nicht, dass die Senatsverwaltung noch für die Sicherheit auf der Baustelle verantwortlich gemacht wird.

Die Bauarbeiten kämen gut voran, sagte Pohlmann, „das Dach des Zuschauerhauses ist dicht“, die Schäden an den angrenzenden Gebäuden seien gering. Bisher wurden 143 Millionen Euro verbaut, also etwa die Hälfte der auf 300 Millionen Euro veranschlagten Sanierungskosten. Nach der Bilanz 2013 kam Pohlmann dann auf die „Bauarbeiten und Herausforderungen 2014“ zu sprechen. Auf die anschließende Frage von Sabine Bangert, wann geplant sei, mit dem Einbau der Bühnentechnik zu beginnen, gab es keine konkrete Antwort. Es war aber auch so etwas wie eine Fangfrage, denn diese Arbeiten benötigen wohl 14 Monate – und ohne funktionierende Bühnentechnik kann man schlecht ein Haus eröffnen.

Tanzhaus im Schiller-Theater

Obwohl noch kein konkreter Umzugstermin für die Staatsoper genannt wurde, ging es in der Sitzung schon um die Nachnutzung des Schiller-Theaters. Möglicherweise zieht die Komische Oper in diese Ausweichspielstätte, denn das Haus der Behrenstraße soll – nach den jetzigen Planungen – 2017 saniert werden. Intendant Barrie Kosky möchte aber lieber am Stammsitz bleiben und bei laufendem Betrieb sanieren lassen. Die von den Grünen ins Spiel gebrachte Idee eines Tanzhauses bezeichnete Wowereit als „Überlegungen, die in der Verwaltung auf breites Verständnis stoßen“.

Das Modell eines Tanzhauses geistert durch Berlin bereits seit der Wiedervereinigung. Plötzlich konkurrierten die drei großen Compagnien der Opernhäuser mit einer schnell wachsenden freien Szene. Die Idee des Tanzhauses wurde maßgeblich von der damaligen Intendantin des Hebbel-Theaters Nele Hertling vertreten. Die Grande Dame der gehobenen Off-Szene erkannte frühzeitig das Potenzial der Berliner Tanzszene und die Wichtigkeit einer eigenen Adresse. Das 1993 aus Kostengründen geschlossene Schiller-Theater weckte schnell Begehrlichkeiten von privaten und öffentlichen Anbietern. Die Privaten setzten sich damals durch.

Zumal eine viel bedeutendere Neuordnung bevorstand. 2004 entstand die Berliner Opernstiftung und in diesem Zusammenhang wurden die drei großen Compagnien in das Staatsballett Berlin fusioniert. Der Spitzentanz residierte unter Leitung von Vladimir Malakhov, dem Gründungsdirektor, zunächst in der Staatsoper Unter den Linden. Noch bevor die Traditionsoper 2010 in die Ausweichspielstätte Schiller-Theater umzog, verabschiedete sich das Staatsballett Berlin in die Deutsche Oper. Dort unterm Dach, in den ehemaligen Malersälen, wurde der Compagnie eine neue Homebase eingerichtet, von wo aus sie seither die drei Opernhäuser bespielen. Eine Rückkehr in das sanierte Stammhaus Unter den Linden war nie vorgesehen. Genau genommen hat das Staatsballett keine eigene Adresse und wäre somit ein favorisierter Kandidat fürs Schiller-Theater.

Dass die Berliner Starchoreografin Sasha Waltz mit ihrer Compagnie ins Schiller-Theater einziehen könnte, wäre eine begrüßenswerte Idee. Letztlich hängt es von zwei Dingen ab. Zunächst einmal müsste das Tanzhaus finanziell und im technischen Bereich entsprechend ausgestattet sein. Und darüber hinaus widerspricht ein leeres Theater der künstlerischen Vision von Sasha Waltz, die in den letzten Jahren die „Choreografische Oper“ immer mehr perfektioniert hat. Dazu braucht sie Partner wie den Stardirigenten Daniel Barenboim und sein Orchester oder die verschiedensten Gewerke des Opernbetriebs. Insofern gibt es viele offene Fragen, bevor aus dem Schiller-Theater ein anständiges Tanzhaus werden kann.