Filmkritik

Der alte Mann und das Meer

Ein Star allein gegen die Naturgewalten, mehr braucht es nicht für Kinospannung: „All Is Lost“

Pst. Jetzt mal ganz ruhig. Der Grund, warum das Kino, vor allem das amerikanische, so geschwätzig ist, ist die Angst der Produzenten vor dem Publikum. Genauer gesagt: vor seiner Unruhe. Wenn es leise wird, dann wird der Zuschauer auf sich selbst zurückgeworfen. Dann fängt er an, im Popcorneimer zu rühren, miteinander zu tuscheln oder ganz ungeniert auf seinem Handy Nachrichten abzulesen. Und der Sitznachbar kriegt das voll mit. Deswegen das permanente Dauergeballere und Dolby-Surround-Gedröhne: um den Kinogast abzulenken. Nur laut, so das Kalkül der Studios, kann man die Konzentration halten.

Keine 90 Worte im ganzen Film

Die Entscheidungsträger dort werden vielleicht umdenken müssen. Mit „All Is Lost“ zumindest kommt in dieser Woche ein Film in die Kinos, der dieser Art von Unterhaltungspolitik entgegenwirkt, ja ihr Hohn spricht. Zu sehen ist ein einziger Schauspieler. Und er spricht im gesamten Film vielleicht so 90 Worte, davon fast alle in der ersten Minute, als vorgezogener Abschiedsbrief. Von da an kein Wort mehr. Kein Dialog. Aber auch keine Quasselei aus dem Off. Und doch bleibt das Publikum hochkonzentriert sitzen. Und fiebert mit.

Wir sehen Robert Redford allein auf hoher See. Keine Vorgeschichte, kein An-Bord-Gehen, kein In-See-Stechen. Es geht gleich los. Der Mann wacht auf und sieht Wasser auf dem Boden. Und ein Loch in der Wand. Ein völlig absurdes Bild: Aber von irgendwoher ist ein riesiger Frachtcontainer ins Meer gefallen, mit Turnschuhen beladen, von denen ganze Heerscharen auf den Wellen tanzen. Der Container hat sich in das Boot verkeilt. So dringt nun Wasser ein. Und der Mann, der noch nicht mal einen Namen hat – wieso auch, wer sollte ihn rufen –, muss jetzt ganz allein dafür sorgen, die Wassermassen aufzuhalten. Und das Leck zu schließen.

Schon das ist Hochspannungskino mit einfachsten Mitteln. Vor allem, weil Robert Redford hier einmal nicht, wie sonst immer, wie noch in seinem vorigen Film „The Company You Keep“ auf ewig Jung macht und springt und rennt, als sei er immer noch der Sunnyboy aus den siebziger Jahren. Er ist jetzt in seinen eigenen Siebzigern, und das sieht man ihm auch an. „All Is Lost“ ist noch mal eine richtig große Altersrolle für diesen letzten Granden des Alten Hollywood, und eine, die ihrem Namen auch gerecht wird. Weil er ächzt und stöhnt und ihn die Kräfte zu verlassen drohen. Man fiebert richtig mit ihm (der privat übrigens keineswegs ein passionierter Segler ist) mit, ob er diesen Kampf überhaupt bewältigen kann.

Denn kaum sind die eindringenden Fluten gestoppt, ist das Leck kunstvoll und erfindungsreich gestopft, kündet sich viel größeres Unheil an. Ein bedrohlicher Sturm zieht auf und wirft das Segelboot hin und her, zuweilen auch um. Und der Mann gerät in eine Seenot, wogegen das andere nur Vorspiel war. Funkgerät, Elektrik, alles kaputt. Den Filmtitel das ahnt man bald, darf man wörtlich nehmen. Es gibt zwischendurch mal den Versuch, das Funkgerät zu reparieren, mit ein paar halbherzigen „Mayday"-Funksprüchen. Und so um die 70. Minute entrutscht Robert Redford ein lautes, verzweifeltes „Fuck“. Mehr Dialog ist nicht.

Kaum zu glauben: Regisseur und Drehbuchautor JC Chandor hat mit seinem Debütfilm „Margin Call – Der große Crash“ ein grandioses Drama über die Finanzkrise geschaffen, mit All-Star-Besetzung und geschliffenen Dialogen, die zurecht für einen Oscar nominiert waren. Doch jetzt, bei seinem zweiten Film, verzichtet er auf alles, was seinen Erstling ausmachte. Und vertraut ganz seinem Plot. Und dem einen Darsteller.

Man muss unweigerlich an die Verfilmung von Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ denken. Aber da ging es ja um einen Zweikampf zwischen einem Fischer und einem Fisch, und mit dem allgegenwärtigen Erzähler aus dem Off war quasi noch eine dritte Person mit an Bord. Das Gleiche gilt für „Schiffbruch mit Tiger“, nur dass das Tier hier ungleich gefährlicher ist und der Film mit einer Rahmenhandlung versehen wird, in der sich um so sehr Menschen tummeln.

Man mag auch an den jüngsten Science-fiction-Film „Gravity“ denken, wo Sandra Bullock allein durchs All treibt. Aber da wird die Zwangsisolation und -stille noch durch eine höchst wortlastige, erste Viertelstunde Plauderei mit George Clooney überbrückt.

Ein Film aber, der so ganz ohne Dialog auskommt, ein Film, der es versteht, die im Grunde klaustrophobische Situation auf dem kleinen Boot aus so unterschiedlichen Blickwinkeln zu drehen, dass es nie langweilig wird, und dabei die Filmmusik nie effekthascherisch aufdreht, sondern in leisen Portionen serviert und trotzdem diese Spannung über 105 Minuten nicht nur zu halten, sondern gar zu steigern weiß – ein solcher Film ist wirklich mehr als selten.

Das Antiprogramm zu Hollywood

Im besten Hemingway’schen Sinne vertraut JC Chandor ganz, mehr noch als die Hemingway-Verfilmung selbst, auf diese zwei Antipoden, den Mann und das Meer. Sein Minimaldrama wird zur großen, ewigen Metapher auf das Menschsein als Kampf und die Bezwingung der Natur, die überall auf der Welt verstanden wird, ohne dass man den Film groß synchronisieren müsste.

Jetzt sind es vielleicht die Hollywood-Produzenten, die im Kino sitzen und unruhig werden. Weil sie merken, dass es gar nicht immer diesen Effekte-Dauerbombast und computergenerierten, tiefendimensionsgetrimmten Ausstattungsaufwand braucht. JC Chandon, dieses Wunderkind des Kinos, von dem nur wenige biographische Daten bekannt sind und den damit eine ähnliche Legende umweht wie das literarische Phantom Thomas Pynchon, dieser JC Chandon schafft es, mit einfachsten Mitteln das Kino zu revolutionieren. Und auf wirkliche Effekte zu reduzieren. Die meisten Blockbuster hat man schon wieder vergessen, wenn man aus dem Kinosaal kommt. „All Is Lost“ wie „Margin Call“ dagegen wirken noch lange nach. Seien wir optimistisch. Vielleicht besinnen sich die großen Studios, wenn sie diese Konkurrenz sehen, was Kino einmal war und immer noch sein könnte.