Roman

Der Schmerzensmann

Haruki Murakami erzählt eine neue Geschichte über Schuld, Einsamkeit und Liebe

In Tsukuru Tazakis Leben geschieht nicht viel. Jeden Morgen steht er auf, jeden Abend legt er sich ins Bett, dazwischen optimiert er Bahnhöfe: Passagierströme, Anordnung von Läden, Sicherheit, Mikromanagement. Er könnte auch welche bauen, das ist sein Beruf, doch neue Bahnhöfe werden nur noch selten gebaut, es gibt sie ja alle schon. Er hat noch ein paar Jahre auf die 40, aber er könnte auch 50 sein, es wäre nicht wesentlich anders. Es gab ein paar Versuche mit Frauen, die sich wieder verliefen, schon okay so.

Viele würden das kein Leben nennen. Er weiß es besser; mit 20 gab es sechs Monate, in denen er jeden Tag an den Tod dachte und dabei sieben Kilo abnahm, knochig wurde, ein Gerippe mit ein wenig Haut zur Tarnung, bis er sich doch entschloss zu bleiben. Seitdem hält er stand, ein wenig anästhesiert. Doch dann kommt eine Frau. Alles stimmt mit ihr. Die Gespräche sind gut, der Sex ist schön. Wenn er sie nicht sieht, denkt er an sie, wenn er sie sieht, mag er, dass sie bleibt. Es wird sogar noch besser. Sie schickt ihn weg, will ihn erst in ihre Nähe lassen, wenn er sich selbst nähergekommen ist, sie hat bemerkt, wie fern er sich ist. Dazu muss er herausfinden, warum ihn damals, mit 20, die vier Freunde, die er hatte – so sehr, dass sie zu fünft ein einziger Organismus waren, jeder von ihnen sich nur ganz fühlte, wenn sie zusammen waren –, von einen Tag auf den anderen verstoßen hatten: Ruf uns nicht mehr an, nie wieder, wir wollen dich nicht mehr sehen. Warum? Das weißt du doch selbst am Besten.

Er dachte ans Sterben

Er wusste es nicht, aber er fragte nicht, sondern verkroch sich und dachte sechs Monate lang ans Sterben. Seit damals ist ein Schmerz in ihm, so sauber weggepackt, dass er ihn selbst nicht mehr spürt. Sara spürt ihn. Klär das endlich, sagt sie, du musst herausfinden, was damals war. Wenn du es weißt, werde ich gerne mit dir ein Paar sein.

So geht die Geschichte in Haruki Murakamis neuem Roman. Es ist sein erster seit vier Jahren, so einfach erzählt, dass man sich fragt, ob Murakami diese vier Jahre nicht vor allem dazu gebraucht hat, Abschied von vielem zu nehmen, was seine Romane der letzten 20 Jahre ausgemacht hat. In „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ist keine Fantastik mehr: keine Schafsmänner, keine hermaphroditischen Bibliothekarinnen, Ziegen, aus deren Mäulern „Little People“ kriechen, oder alte Männer, die im Krieg ihre Sprache verloren haben, aber mit den Vögeln reden und Fische vom Himmel regnen lassen können. Plötzlich schreibt Murakami fast wieder wie in „Norwegian Wood“, jenem Roman, der ihn 1987 zum Bestsellerautor machte und für den er vom japanischen Literatur-Establishment lange ein wenig verachtet wurde, weil er so „unjapanisch“ war – amerikanischer Lakonismus, nichts über den Krieg, westliche Lebensweise. „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“: einfach nur eine zarte, ernste Liebes- und Selbstfindungsgeschichte, die ohne Surrealismus, doppelte Böden, privatistische und hartnäckig undechiffrierbare Visionen auskommt und gerade heruntererzählt wird: Ein Mann versucht, sich nach Jahren seinem Trauma zu stellen, und am Ende begreift er etwas – „dass es nicht nur die Harmonie war, die die Herzen der Menschen verband. Viel tiefer war die Verbindung von Wunde zu Wunde. Von Schmerz zu Schmerz.“

Als „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ im vergangenen April in Japan herauskam, war es wie immer, wenn ein Roman Murakamis erscheint: Die Buchhandlungen öffneten schon um Mitternacht, damit niemand noch länger warten musste, die Stapel wurden so schnell kleiner, dass der Verlag schon nach ein paar Stunden 100.000 Exemplare nachdrucken ließ (sieben Tage nach Erscheinen war die Millionenmarke geknackt), Ende April war Lazar Bermans Einspielung von Franz Liszts „Années de pèlerinage“ vergriffen, die im Roman erwähnt wird, und wochenlang wurde darüber gerätselt, was der Roman „bedeutet“. Wie immer bei Murakami war das nicht ganz klar, auch ihm selbst nicht, wie man annehmen darf. In den seltenen Interviews, die er gibt, hat er ja ausreichend Auskunft darüber gegeben, wie er arbeitet: Er setzt sich ohne Plan hin, wartet darauf, was geschieht, und schreibt seinen Tagträumen hinterher. „Ich sehe Bilder und verknüpfe sie. Das ist die Handlung. Dann versuche ich, die Handlung dem Leser zu erklären.“

In „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ erzählt er zurückgenommener als sonst, aber vielleicht ist das ein Vorteil. Denn der Verzicht auf Imaginationslawinen gibt den Imaginationen des Lesers mehr Raum, er muss sich nicht überwältigt fühlen wie sonst so oft beim Lesen von Murakami-Büchern, sondern kann seinen eigenen Gedanken, Erinnerungen und seiner eigenen Lebensgeschichte nachhängen. Der farblose Herr Tazaki wird am Ende von Murakamis Roman zwar seinen Bahnhof noch immer nicht gefunden haben, aber: Er ist jetzt so weit, zum ersten Mal in seinem Leben, dass er selbst ein Bahnhof sein kann. Es ist eine Freiheitsgeschichte, die Murakami erzählt. Man kann sie, im eigenen Leben, gut gebrauchen.

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Aus dem Japanischen v. Ursula Gräfe. Dumont, Köln. 350 Seiten, 22,99 Euro