Satire

Kinder gründen einen Tierschutzverein im Ghetto Theresienstadt

„Der Tierschutzverein“ ist, mit einem Wort, ein Geniestreich. 1969 von dem tschechischen Satiriker Jiří Robert Pick veröffentlicht, wurde es nun erstmals ins Deutsche übersetzt. Kaum jemals hat man ein derart komplexes Thema, ein so ungeheuerliches Sujet mit einer solchen Leichtigkeit wie hier behandelt gesehen. Im Stil des Schelmenromans werden in elf höchst kurzweiligen Kapiteln verschiedene Episoden geschildert, die der heranwachsende Junge Toni etwa zwischen seinem dreizehnten und fünfzehnten Lebensjahr, zwischen 1942 und 1944, im Ghetto Theresienstadt erlebt.

Von einem der fünf älteren tuberkulösen Herren, mit denen er sich das Zimmer teilen muss, wird er eines Tages gefragt, ob er nicht Mitglied eines Tierschutzvereins sei, da er die Flöhe immer so „delikat“ in seinem Wasserglas ertrinken lasse. Das bringt Toni auf die Idee, im Ghetto zusammen mit seinen Freunden einen Tierschutzverein zu gründen, und er überlegt, welche Tiere sie schützen sollten: Pferde, Kanarienvögel, Nachtigallen, Löwen, Elefanten, Bären? Das Problem ist, dass es alle diese Tiere im Ghetto nicht gibt.

Natürlich ist der Tod in diesem Buch omnipräsent. Tonis Freund Erna beobachtet, wie Ghettobewohner zu Transporten Richtung Polen in Viehwaggons gepresst und deportiert werden. Toni schließt mit seiner Mutter sogar Wetten über den Todestag und die Todesstunde mancher Ghettobewohner ab. Es ist geradezu unglaublich, wie eine derart zeitgemäße Satire auf eine staunenswerte, unerhörte Art die wachsende zeitliche Distanz zum Nationalsozialismus überwindet.

Jiri Robert Pick: Der Tierschutzverein. A. d. Tschech. v. Eva Gaal u. Sigmund Mang. Königshausen & Neumann, Würzburg, 19,80 Euro