Thriller

Der Verschwörer erwacht im Berliner U-Bahn-Schacht

In Sebastian Fitzeks Thriller „Noah“ wird die Welt bedroht

Unter den Thrillerautoren ist Sebastian Fitzek der mit dem bösen Blick, er operiert mit den Urängsten – der seiner Figuren und der unsrigen. Gebürtiger Berliner, Jahrgang 1971, studierter Jurist. Lange arbeitete Fitzek in der Programmdirektion des privaten Berliner Rundfunksenders 104.6 RTL, für den er immer noch beratend tätig ist. Zweimal die Woche, heißt es, sitzt er da. Was er streng genommen gar nicht müsste. Weil er sich seit 2006 einen Ruf als deutsches Pendant zu Stephen King erschrieben hat (irgendein Etikett braucht jeder). 2006 erschien der erste seiner Romane, die man gern als Psychothriller bezeichnet, weil sie von Psychopathen handeln und mit Virtuosität auf den Nervenbahnen der Leserpsyche Harfe spielen.

Ein Auflagenmillionär

„Die Therapie“ hieß der Roman, erschien im Taschenbuch, in einer Auflage, die bei einem Lyriker Jubelstürme, unter Unterhaltungsschriftstellern aber nur Achselzucken auslöst: 4000 Exemplare. Inzwischen sind weltweit acht Millionen Exemplare seiner ersten zehn Romane verkauft. Was ihn so ziemlich an die Spitze der deutschen Auflagenmillionäre gebracht haben dürfte. Eine Position, die „Noah“, der neue, elfte Roman und der erste in seinem neuen Verlag Lübbe, festigen wird.

Bisher haben Fitzeks Fieslinge vor allem in Deutschland operiert. Und vor allem Kinder hatten es Fitzek angetan. Sie verschwinden in seinen Büchern, sie werden gequält, gebrochen, getötet. Frauen sind der zweite Opferschwerpunkt, sie werden vergewaltigt, ihnen werden auch schon mal die Augen geöffnet, indem die Peiniger ihre Augenlider fein säuberlich auftrennen. Das sei, hat Fitzek mal gesagt, ein Hinweis darauf, dass die Gesellschaft vor Vergewaltigung und ihren Opfern die Augen verschließe. Dass er mit jedem Kind brutaler werde, hat der zweifache Vater auch gesagt. Weswegen wir nun – nach „Noah“ – über ein geradezu sprunghaftes Wachstum seiner Familie spekulieren können.

Alles beginnt in Berlin. Da lebt ein Mann im Untergrund, in den Schächten, Gängen der U-Bahn, der eine seltsame Tätowierung in der Handinnenfläche hat. „Noah“ steht da krakelig und dilettantisch eingeritzt. Wo er die Tätowierung her hat, weiß er nicht, auch nicht, wo er selbst herkommt. Nur Fetzen von Erinnerungen suchen ihn heim; er hat eine Krankheit: Amnestisches Syndrom nennt sie sich oder Morbus Korsakow.

Neben der Geschichte von Noah schießen noch aufeinander zu: die Geschichte einer beginnenden Pandemie; die einer Kleinfamilie aus den Slums von Manila, die einen Säugling retten will; die Geschichte einer schwangeren Journalistin; eines CNN-ähnlichen New Yorker Nachrichtenhauses; eines selbstkritischen Auftragskillers; einer merkwürdigen Geheimloge, die für sich in Anspruch nimmt, abseits der gewählten Parlamente die eigentliche Weltregierung zu sein und zur Sicherung des Status quo notfalls millionenfachen Mord zu begehen; sowie die Geschichte eines zum Paulus gewandelten amerikanischen Großindustriellen. Ihm kommt im Roman die Aufgabe zu, all das Wissen um die wahren Zustände auf unserem Globus von sich zu geben, das sich Fitzek so eifrig angeeignet hat.

Rein gesinnungspolizeilich kann man gegen „Noah“ gar nichts sagen. Aber Fitzeks Manie, seine Vierseitenkapitel auf Pointe zu schreiben, führt zu einem wahren Klettergarten von Cliffhangern, der selbst einem geübten Kletterer gewaltig auf die Nerven gehen kann. Was alles zu verschmerzen wäre, würde „Noah“ seine ganze Energie nicht von einer unglaublichen Großmannssucht beziehen, davon, jeden amerikanischen Konkurrenten aufrecht und moralisch korrekt und faktengetränkt aus dem Feld schlagen zu wollen. Hastes nich ’ne Nummer kleiner, will man Fitzek hin und wieder zuraunen.

Sebastian Fitzek: Noah. Bastei Lübbe Verlag, Köln. 560 Seiten, 19,99 Euro