Serie: Die Berlin.Macher

Mittendrin statt nur davor

Der Internet-Sender Joiz sitzt in Friedrichshain. Er setzt auf interaktives Fernsehen, damit sich junge Leute einmischen

Seit seinen Anfängen folgt Fernsehen dem Prinzip Einbahnstraße: Der Zuschauer konsumiert, was der Sender ihm vorsetzt. Der junge Fernsehsender Joiz geht einen anderen Weg. „Wir machen interaktives Fernsehen für junge Menschen, unsere Zuschauer sollen Teil des Programms sein“, sagt Alexander Mazzara, einer der Gründer des Senders. Seine Zauberformel: Second Screen – es beschreibt die parallele Nutzung eines Smartphones oder Tablets neben dem laufenden Fernsehprogramm. Jeder Zuschauer kann online ein Profil anlegen und sich aktiv an der Gestaltung der Sendungen beteiligen. Es soll Fernsehen auf Augenhöhe mit dem Zuschauer gemacht werden. Brandneu ist die Idee von Joiz nicht. Unterschiedliche Formen des interaktiven Fernsehens gibt es schon seit längerem. Darunter versteht man die Einbeziehung des Zuschauers in das Programm. Sei es über Telefon an Entscheidungen mitzuwirken wie in Casting-Shows – oder in Chatsrooms im Anschluss die Sendung zu diskutieren. Oftmals stellen Programme auch online weiterführende Angebote zur Verfügung.

Wie interaktives Fernsehen bei Joiz aussieht, zeigt sich an einem frühen Nachmittag im Dezember im Berliner Postbahnhof. Klischees werden hier nicht entkräftet: Natürlich handelt es sich um einen riesigen Loft mit unverputzten Wänden und natürlich gibt es eine offene Gemeinschaftsküche, in der das ganze Team gemeinsam Mittagessen kochen kann. Spektakulär ist insbesondere die Dachterrasse, von der man direkt auf die East Side Gallery blickt. „Unsere Zielgruppe ist mit sozialen Plattformen und digitalen Medien aufgewachsen. Die wollen nicht einfach nur vor dem Fernseher sitzen, sondern mitmachen“, sagt Mazzara. Seit dem 5. August ist Joiz in Deutschland auf Sendung, in der Schweiz gibt es den Sender bereits seit zweieinhalb Jahren. Die Konzepte sind zwar die selben, die Sendungen werden aber dennoch für jedes Land einzeln produziert. Zumal die in der Schweiz im ursprünglichen Schwyzerdütsch gedreht werden.

Berlin gilt zwar nicht als klassische Fernsehstadt. Dennoch entschied man sich für die Hauptstadt als Standort. Es lockte die Nähe zu den vielen Stars, die Berlin besuchen. Die O2 Arena liegt in direkter Nachbarschaft des Senders. Joiz kann bis zu 38 Millionen Haushalte erreichen, aber nur online gesehen werden.

Wie mitmachen bei Joiz konkret aussieht, zeigt sich wenig später während der Aufzeichnung der Sendung Living Room. Das Studio, bestehend aus einer großen Couch, Tisch und Teppich, ist in einer Ecke des Großraumbüros untergebracht. Die anderen Mitarbeiter arbeiten unterdessen weiter, bei Bedarf steuern sie ihren Applaus bei. In der Sendung Living Room gibt es täglich eine Stunde Live-Talk mit Musikern, Bands oder Schauspielern. Moderatorin Melissa begrüßt heute drei Talente der Show „The Voice of Germany“, die auch gleich eine Live-Performance hinlegen. Stets im Rücken der übergroße Flatscreen, auf dem die Kommentare der Zuschauer durchlaufen. Da schreibt Andy D wie süß er Melissa findet und Teddybär 315, dass er ihre Frage komisch findet. Der Mehrwert des Second Screens erschließt sich während dieser Sendung nicht. Wie viele Zuschauer sich aktiv an der Sendung beteiligen, wissen die Produzenten von Joiz noch nicht. Mit konkreten Zahlen wird erst im nächsten Jahr gerechnet.

Ob es Melissa nicht manchmal stören würde, ständig Feedback in Echtzeit zu bekommen? „Nein, ich finde das super! Die Kommentare und Fragen geben den Sendungen immer etwas Unvorhergesehenes“, sagt Melissa. „Ich überlege mir zwar ein Konzept für jede Sendung, aber das wird ohnehin immer über den Haufen geworfen.“ Manchmal erachte sie bestimmte Fragen nicht als wichtig, wenn dann aber von den Zuschauern hundertmal dieselbe Frage gepostet würde, ist sie es vielleicht doch. Daraus entstehe eine ganz neue Art des Journalismus – ein selbstbestimmterer. Böse Kommentare gäbe es über den Second Screen sehr selten. Die Community reagiere auf diskriminierende oder sexistische Äußerungen schnell. In der gesamten Sendezeit mussten erst zwei User gesperrt werden.

Man dürfe keine Angst vor dem Dialog mit dem Zuschauer haben, sagt Mazzara. Dann regele sich das alles von selbst. Die Moderatoren von Joiz sind alle unter 30 Jahre alt. Die meisten haben bereits Fernseherfahrung, vielleicht nicht zehn, aber zumindest zwei bis drei Jahre. „Alte Moderatoren wären für unser Projekt nicht glaubwürdig. Wir wollen schließlich die 14 bis 35-Jährigen erreichen“, sagt Mazzara. Weit entfernt vom Durchschnittsalter der ARD, das bei 62 Jahren liegt.

Joiz ist organisiert wie andere Privatsender – geht jedoch in Hinblick auf Werbung noch einen Schritt weiter als die alteingesessenen Anstalten. „Wir können unsere Zuschauer marketingtechnisch noch viel genauer bestimmen, da sie ein Profil bei uns anlegen. So können wir Werbekunden sehr genaue Angaben machen“, sagt Mazzara. Daneben fällt das Wort Brand Entertainment. Mazzara wird sehr sachlich bei dem Thema. „Wir konzipieren ganze Sendungen rund um unsere Kunden. Natürlich muss es authentisch sein, keine platte Werbesendung, sonst guckt es ja niemand“, sagt Mazzara. Wie das genau aussieht? Das Unternehmen Coca Cola veranstaltete am vergangenen Tag der Deutschen Einheit ein Konzert vor dem Brandenburger Tor. Joiz übertrug das Konzert sieben Stunden live. „Eine besonders einfache Form des Brand Entertainments“, sagt Mazzara.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hadert stets mit seinen Quoten und Beiträgen – wirklich erreicht hat es die junge Zielgruppe bisher nicht. Auch sie haben in größeren Sendungen mittlerweile eine Internet-Komponente aufgenommen. Da lesen dann jüngere Mitarbeiter Twitter-Kommentare zur Sendung vor - es wirkt häufig sehr gewollt. Mazzara hält die meisten dieser Konzepte für nicht gelungen. Joiz erreicht offenbar ein junges Publikum, ohne sich anzubiedern, und wirkt dabei authentisch. Nach einem Einblick in die Welt des Second Screens bleibt jedoch ein Beigeschmack der Belanglosigkeit.