Aufklärung

„Es gibt noch weitere Depots in Deutschland“

Museen überprüfen ihre Bestände auf Nazi-Raubkunst. Immer wieder führen Spuren zum Kunsthändler Gurlitt

Die in München bei dem Kunsthändler-Sohn Cornelius Gurlitt entdeckte Kunstsammlung ist nach Einschätzung des Solinger Museumsdirektors Rolf Jessewitsch kein Einzelfall. „Es gibt noch mehr Sammlungen, die mehr oder weniger bekannt sind“, sagt Jessewitsch. Auch in Frankreich lagerten noch etwa 2000 Raubkunst-Objekte in verschiedenen Depots. „Und es gibt auch bei uns Depots, die noch nicht geöffnet sind.“ In Expertenkreisen sei es bekannt gewesen, dass Gurlitt eine Sammlung besitze. „Natürlich war niemand in der Wohnung, aber durch Kontakte und Bildverkäufe wurde deutlich, dass Cornelius Gurlitt eine Sammlung mit namhaften Bildern hat“, sagte Jessewitsch. „Der Name Gurlitt war vielen Personen im Kunstbetrieb bekannt.“

In der Münchner Wohnung hatten Ermittler die verschollen geglaubte Sammlung von Hildebrand Gurlitt beschlagnahmt, der einer von Hitlers Kunsthändlern war. Darunter sind Werke von Picasso, Chagall, Matisse, Beckmann und Nolde. Fast 600 Bilder stehen im Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein. Die wenigsten Kunstinteressierten dürften den Namen des in den 20er Jahren bekannten Expressionisten Bernhard Kretzschmar noch gekannt haben – bis sein buntes Aquarell in den Papierstapeln der verschollen geglaubten Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt auftauchte. Wohl eher zufällig schaffte es das Bild Kretzschmars (1889-1972) sogar in die Fernsehnachrichten, als Anfang November der spektakuläre Schwabinger Kunstfund aufgedeckt wurde.

Kretzschmar, dessen Bilder 1937 von den Nazis als „entartet“ aus Museen beschlagnahmt wurden, gehörte ebenso zu den verfemten Avantgarde-Künstlern wie seine heute berühmten Kollegen Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner oder Max Beckmann. Doch Kretzschmar ist heute ebenso wenig bekannt wie etwa die Expressionisten Wilhelm Lachnit oder Christoph Voll, die alle einst der Dresdner Sezession angehörten.

„Die Nazis haben 20.000 Kunstwerke von rund 1600 Künstlern aus den Museen geholt“, sagt Direktor Jessewitsch. Das Museum mit 500 Werken der Sammlung Gerhard Schneider arbeitet seit Jahren an der Rehabilitierung der verfemten Künstler, deren Namen seit der Nazi-Diktatur in der Kunstgeschichte verblassten. „Das haben die Nazis verursacht, und es wirkt bis heute“, sagt Jessewitsch. Die spektakuläre Entdeckung der Gurlitt-Sammlung macht für Jessewitsch die schmerzlichen Lücken nun wieder deutlich. „Man sieht, dass man jahrzehntelang etwas versäumt hat.“

Kretzschmar, Lachnit, Voll – ihre Bilder sammelte auch Hildebrand Gurlitt. Sowohl der als auch sein Cousin Wolfgang Gurlitt waren einerseits autorisierte Kunsthändler Hitlers, andererseits halfen sie einigen der von den Nazis verfolgten Künstler. Zum Beispiel Eric Isenburger (1902-1994), dessen Porträt eines jüdischen Mädchens im Kunstmuseum ausgestellt ist. Wolfgang Gurlitt stellte den mit Pierre Bonnard befreundeten Isenburger noch 1933 aus, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste er die Ausstellung schließen.

Gurlitt warnte die Isenburgers, dass sie auf einer schwarzen Liste der Nazis stünden und sich verstecken sollten. Das Ehepaar floh nach Paris und später nach New York. Wolfgang Gurlitt behielt die Bilder – und machte mit Isenburger 1962 wieder eine Ausstellung. „Isenburger war glücklich darüber“, sagt Jessewitsch. „Die Gurlitts haben profitiert in der Nazi-Zeit, aber sie haben die Künstler ordentlich behandelt.“

Im Museum Wiesbaden forscht Miriam Merz nach Nazi-Raubkunst, also Gemälden, die zwischen 1933 und 1945 ihren Besitzern abgepresst und ins Landesmuseum gebracht wurden. Die Arbeit der Kunsthistorikerin ist langwierig: Insgesamt 200 Kunstwerke hat das Museum auf den Prüfstand gestellt. Beschlossen wurde dies im Jahr 2009, mittlerweile hat Merz die Hälfte der Fälle bearbeitet. Und sie ist fündig geworden.

Bei sieben Kunstwerken hat die Forscherin festgestellt, dass es sich um Raubkunst handelt. Bei 76 weiteren kann sie es nicht ausschließen. Dazu zählen auch zwei Gemälde, die das Museum 1944 in einem größeren Ringtausch vom Kunsthändler Hildebrand Gurlitt erhalten hat: zwei „Blumenstücke“ des niederländischen Künstlers Gaspar Peeter Verbrugghen d. J. (1664-1730).

Dass das Museum Wiesbaden seine Kunstwerke auf ihre Herkunft überprüft, hängt vor allem mit seinem ehemaligen Direktor Hermann Voss zusammen. Voss kam 1935 ins Haus, ein Kunstkenner, der als Gutachter auch für die Gestapo arbeitete. Voss war von 1943 Sonderbeauftragter für ein von Adolf Hitler in Linz geplantes „Führermuseum“, zugleich wurde er Leiter der Dresdner Gemäldegalerie. Gurlitt soll einer der Einkäufer gewesen sein, die Voss beauftragte.