„Ich habe meinen Stil, weil ich keinen Stil haben will“

Dirigent und Komponist Peter Eötvös wird heute 70 Jahre alt

Als Dirigent, Professor und Komponist gehört Peter Eötvös zu den bestsellerverdächtigsten Vertretern seines Standes. Von seiner Oper „Tre Sestri“ (nach Tschechows „Drei Schwestern“) gab es, so zählt er selber, seit 1998 nicht weniger als 15 Neuproduktionen weltweit. Seine „Tragödie des Teufels“ (2009) kam in München heraus, „Angels in America“ 2004 am Pariser Chatelet und „Le Balcon“ 2002 in Aix-en-Provence. Sein jüngstes Bühnenwerk „Paradise Reloaded“ (in Wien) war das erste Nicht-Auftragswerk für die Bühne. „Ich hatte keine Lust herumzufragen“, sagt Eötvös, der heute seinen 70. Geburtstag feiert.

So viel Lässigkeit muss man sich leisten können. Seine Entspanntheit geht als Atmosphäre auch von den Werken dieses echten Theater-Mannes aus. „Eine gewisse expressive Haltung“ hält er für das einzige Kennzeichen seiner Werke. „Ich habe meinen Stil dadurch, dass ich keinen Stil haben will.“

Geboren wurde er am 2. Januar 1944 im ungarischen Székelyudvarhely (deutsch: Oderhellen), das heute zu Rumänien gehört. Er hatte als Kind vom Sopran über Mezzosopran und Tenor bis zum Bariton alle Stimmlagen auf dem Weg zum Erwachsenwerden in Chören durchgesungen. Nach der damals populären Kodály-Methode, die sich an harmonischen Ganztonschritten orientiert, hatte er gelernt. „Meine Muttersprache bis heute“, so Eötvös. Als er 1958 auf die Budapester Musikakademie kam, wurde diese noch von Kodaly geleitet. An sein Kölner Musikstudium schloss sich ab 1968 eine enge Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen an, dem selbst ernannten „Radioapparat Gottes“.

Eötvös arbeitete als Techniker, zuständig für Neue Musik, acht Jahre lang für den WDR, als er Ende der 70er-Jahre Pierre Boulez kennenlernte. Dieser lud ihn ein, zur Eröffnung des IRCAM in Paris das Ensemble Intercontemporain zu dirigieren. 1979 rückte er auf Wunsch von Boulez an die Spitze dieser Spezialtruppe für Neue Musik. Seit 1992 wirkt Eötvös auch als Professor in Karlsruhe, zwischendurch in Köln.

Als ‚Ein-Mann-Betrieb mit vier Händen’ – seine Frau organisiert unsichtbar Reisen, Termine und Freiräume – entwickelte sich Eötvös zu einem Wunder an Umsicht, Effektivität und Planbarkeit. „Ich brauche ein halbes Jahr zum Komponieren“, so sagt er. Ansonsten ist er unterwegs, mit oder ohne eigene Werke. Natürlich sind seine Werke auch allein unterwegs. Beim Berliner Festival „Ultraschall“ wird am 25. Januar das GrauSchumacher Piano Duo sein Klavierstück „Kosmos“ im Radialsystem vorführen. Am Pult der Berliner Philharmoniker dirigiert Eötvös selbst Mitte September Eötvös, genauer gesagt sein Stück „DoReMi“.