Konzert

Der launische Virtuose entwirft fast virtuelle Klangwelten

Lang Lang setzt sich an den Flügel, als wolle er ein Computergame mal kurz durchspielen

Es ist schon aufschlussreich, mit welchem Programm die Berliner Orchester ihrem Stammpublikum ins neue Jahr hinüber helfen. Ob Gedankenschwer oder vergnüglich. Künstlerische Zumutungen sind, so viel steht fest, nirgendwo vorgesehen. Die Staatskapelle unter Leitung von Pablo Heras-Casado und Chefdirigent Marek Janowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester setzen traditionsbewusst auf Beethovens Neunte. Aufs Kulinarische eingestellt hat sich das Konzerthausorchester mit seinem musikalischen 5-Gänge-Menü „á la carte“ und auch das Deutsche Symphonie-Orchester, das in den Fantasiewelten des Zirkus Roncalli im Tempodrom aufspielt.

Die Berliner Philharmoniker hüllen sich hingegen in Exklusivität. Chefdirigent Sir Simon Rattle steht selbst am Pult und ein Weltstar ist angekündigt, der auch dafür sorgt, dass im Zuschauerraum sehr viele asiatische Besucher zu entdecken sind. Lang Lang ist ein Traumpianist für alle Marketingstrategen. Ein Stück Identifikationsfigur, ein Stück Tastenzauberer und ein Stück weit unbedarft. Lang Lang ist schon ein launischer Virtuose.

Diesmal nimmt er sich Sergej Prokofjews drittes Klavierkonzert vor. Das frühe Stück ist durchaus populär und höllisch schwer zu spielen. Lang Lang setzt sich an den Flügel, als wolle er mal schnell ein Computerspiel durchprobieren. Bei den leichteren Passagen schaut er fast gelangweilt ins Publikum und absolviert sie wie kleine Übungsstückchen. Im ersten Satz gefällt sich Lang Lang vor allem mit harten Akzenten und im motorischen Zusammenspiel. Was irgendwie schade ist. Andere Virtuosen können bei Prokofjew mehr innere Aufgelöstheit, mehr Selbstzerstörerisches ausmachen.

Aber Prokofjew wird sowieso gerne unterschätzt. Der Komponist war kurz nach der Oktoberrevolution in die USA gegangen, dort gescheitert, nach Frankreich weiter gezogen und schließlich Mitte der Dreißigerjahre in Stalins Reich zurückgekehrt. „Wie ein Hühnchen in die Suppe“, soll sein leidgeprüfter Kollege Dmitri Schostakowitsch gesagt haben. Im Konzertsaal gilt es die Musik hinter allen Fassaden aufzuspüren.

Lang Lang setzt im zweiten Satz mit seinen fünf Variationen auf fast mystische Stimmungen. Mit brillanter Geste entwirft er fast virtuelle Klangwelten, die völlig gefühlsfrei sind. Sein Spiel ist von einer ebenso faszinierenden wie abschreckenden technischen Modernität. Genau genommen sind es Rattle und seine Philharmoniker, die dem Prokofjew in die Diesseitigkeit verhelfen. Glücklicherweise ist der Finalsatz ein furioser Kehraus. Das Publikum wird mitgerissen.

Drumherum haben die Philharmoniker abwechslungsreich Tänze von Dvorak, Hindemith und in Zugabe von Brahms gruppiert. Rattle verknüpft alles in klangschöner Ausgelassenheit. Bezaubernd sind auch die vier Stücke, darunter der Säbeltanz, aus Aram Chatschaturjans „Gajaneh“-Suiten. Über den Komponisten sagte Schostakowitsch, dass man mit ihm vergnüglich speisen, trinken und plaudern könne. Ein bisschen klingt auch seine Musik so, die die Philharmoniker in beschwingter Akkuratesse auskosten.

Das philharmonische Silvesterkonzert wird von Arte um 18.55 Uhr ausgestrahlt. Das höchst öffentlich-rechtliche Silvesterkonzert kommt diesmal allerdings aus der Dresdner Semperoper. Das ZDF überträgt um 17.30 Uhr das Operetten- und Musicalprogramm des Berliner Dirigenten Christian Thielemann.