Porträt

„Am Bolschoi ereignet sich eine schreckliche Soap Opera“

Alexei Ratmansky ist der gefragteste Choreograph der Welt

Vor 100 Jahren hätte er Italiener oder Franzose sein müssen, um in seinem eigenen Land Erfolg zu haben. Bis vor 24 Jahren hätte er wohl emigrieren müssen, um seine Talente frei entfalten zu können. Eben wurde er in Mailand gefeiert, inzwischen ist die ganze Tanzwelt hinter ihm her. Denn der 45-Jährige, in St. Petersburg geborene, in Kiew aufgewachsene, heute in New York lebende Alexei Ratmansky ist gegenwärtig der weltweit gefragteste Choreograf.

Und er ist der wohl fleißigste. London, New York, Melbourne, jetzt ein Abend in Mailand, dann Moskau, Amsterdam und am 22. März eine Premiere in der Staatsoper im Schiller Theater. „Das klingt sehr viel“, sagt der schmale, aber kräftige Mann, der sich in das Empiresofa eines Mailänder Scala-Salons schmiegt. „Doch ich habe gern Ziele vor Augen. Das macht mich kreativ. Im Augenblick habe ich gut zu tun, aber die Balance zwischen alten und neuen Stücken, bekannten und fremden Compagnien stimmt. Das hält meine kreativen Kräfte wach.“

Und die sind äußerst vielseitig ausgeprägt. „Ich kann nichts erzählen, und ich erfinde kaum wirklich neue Schritte, bediene mich nur einer eigentlich toten Sprache“, redet Alexei Ratmansky seinen unverschämten Erfolg klein. Aber ganz so ist es doch nicht. Denn er hat bisher alles richtig gemacht. Und die Zeitumstände haben für ihn gearbeitet. Nach einer exzellenten Ausbildung, „bei der mir schnell klar war, dass ich kein Startänzer werden würde, aber Choreografie hat mich immer schon mehr interessiert und dafür ist Tanzpraxis die beste Grundlage“, weitete er seinen Radius aus. Erst als Tänzer, dann als Choreograf. Es gab weltweit Bedarf für ein alertes, unkompliziertes, im Rahmen der Tradition originelles Choreografie-Talent. Auf Aufhübschungen der Klassiker folgten eigene, auch abstrakte Arbeiten, die einen eminenten Sinn für Variationen, Beschleunigungen und Brechungen des klassischen Materials zeigen.

2004 bekam er den Chefposten beim Bolschoi. Ratmansky, ein zäher Kämpfer, aber nicht unendlich belastbar, wusste schon damals, wie unregierbar die zerstrittene, von launischen Stars dominierte Truppe ist. Doch im Nachhinein waren die fünf Jahre unter seiner Leitung der derzeit von Skandalen geschüttelten Elite-Formation die besten der letzten drei Dekaden. Doch er wusste, wann es genug war, und war froh, als er seine internationale Karriere als freier Choreograf starten konnte. Der Säureanschlag auf seinen Nachfolger Sergei Filin hat Ratmansky nicht überrascht. Auch ihm hatte man gedroht. Was er heute zum Bolschoi sagt? „Man sollte jetzt alle mal ein Jahr in Ruhe lassen, so dass sie sich selber wiederfinden können. Aber natürlich ist diese schreckliche Soap Opera ein gefundenes Fressen für die Presse.“

Auf dem internationalen Tanzparkett hat Ratmansky keine Schwierigkeiten. Man spricht eine gemeinsame Bewegungssprache. Alle großen Compagnien, in denen längst viele ehemalige Kollegen und Stars tanzen, haben Sehnsucht nach Schönheit, klassizistischer Modernität, Noblesse, Musikalität. Das alles erfüllt Ratmansky aufs Beste. Natürlich weiß der, dass er aufpassen muss, dass er nicht nur abliefert, zu glatt wird, sich allen Erfordernissen anpasst. „Ich habe inzwischen gelernt zu haushalten, aber ich werde immer noch beständig inspiriert. Besonders durch Tänzerinnen, . Wenn man bedenkt was man allein mit ihren Füßen, auf Spitze, in Schläppchen, nackt, gestreckt, geflext, so alles machen kann...“