Treffen

Unter ständiger Beobachtung

Eine Schau in Berlin: Gereon Sievernich, Chef des Gropius-Baus, hat Ai Weiwei, Chinas bekanntesten Künstler, in Peking besucht

Wenn Gereon Sievernich nach Peking einreist, ist alles „ganz normal“. Den Koffer auschecken am Flughafen, die Fahrt zum Hotel, später geht es mit dem Taxi ins Künstlerdorf Caochangdi, etwas außerhalb der Stadt an der alten Straße zum Flughafen gelegen. Er besucht Ai Weiwei, Chinas bekanntesten Polit-Künstler, der dem Regime lange schon ein Dorn im Auge ist. Er steht noch immer unter ständiger Beobachtung, und wer ihn besucht, noch dazu aus dem Westen kommt, gerät ebenso ins Visier der Parteifunktionäre wie der Chinese selbst. Zwanzig Leute arbeiten in dem Künstlerviertel, manche leben auch dort.

Kameras bestimmen sein Leben

Ein begrünter, wunderschöner Innenhof mit Gartenmöbeln lädt ein, das Haus mit seinem Studio ließ Ai Weiwei mit den traditionellen Ziegeln alter chinesischer Wohnhäuser bauen. Er hat den minimalistischen Komplex selbst entworfen, wie andere Gebäude auf dem Areal auch. Überall liegen, laufen und schmusen Katzen herum, Ai Weiwei liebt die eigenwilligen Vierbeiner. Vielleicht, weil sie immer ihren eigenen Kopf haben, diese Haltung schätzt er. Hoffentlich tragen die keine Wanzen im Ohr, hat er mal ironisch zu einem Bekannten gesagt. Sie sind ja immer um ihn herum. Und wenn Sievernich, Chef des Martin-Gropius-Baus, Glück hat, sitzt der chinesische Künstler gerade draußen vor seinem Atelier mit seinem Smartphone in der Hand und twittert, was er gerade so macht.

Könnte also ganz idyllisch sein, wären da nicht die zehn Kameras, die Chinas Obere haben installieren lassen. Sehen kann man niemanden, aber das ist bei den Geheimdiensten immer so. Fühlt sich Sievernich nicht unwohl? „Ja, da hat man das Gefühl, irgendeiner hört und guckt zu. Aber was soll man machen, es gibt ja nichts zu verbergen. Bin ja nur ein kleiner Kulturmanager!“ Er lacht. Wahrscheinlich aber hat er sich schon gefragt, ob es eigentlich eine Akte über ihn gibt. Schließlich kommt er aus der deutschen Hauptstadt. Dort, wo Angela Merkel regiert, dort, wo man Ai Weiwei nicht nur aus Solidarität eine Gastprofessur an der UdK angeboten hat, dort, wo am 2. April die große Ausstellung „Evidenz“ von Ai Weiwei im Gropius-Bau eröffnen wird.

Die Funktionäre wissen wohl, dass nicht nur die Kunstwelt auf diese Schau gucken wird. Sie wissen genau, wenn Ai Weiwei loslegt mit seiner Kunst, dann wird es politisch, und zwar gewaltig. „Er greift politische Themen auf und formt sie um ins Künstlerische. Politische Kunst ist gerade in Berlin eine große Stärke, das politische Argumentieren ist hier tief eingeschrieben“, findet Gereon Sievernich. Eins ist klar, wenn Angela Merkel ein Signal Richtung China geben will, dann wird sie medienwirksam zur Eröffnung der Ausstellung in den Gropius-Bau kommen. Ai Weiwei hat immer wieder mit politischen Aktionen und Werken für Aufregung gesorgt und damit bewusst das Regime in Peking herausgefordert. Das hat ihm international Anerkennung gebracht und etliche Einladungen zu Ausstellungen und Biennalen. In seiner Heimat ist er jedoch immer wieder Repressionen ausgesetzt. Vor zwei Jahren saß er ohne Verurteilung drei Monate lang an einem unbekannten Ort in Haft. 81 Tage Einzelarrest – wegen angeblicher Steuervergehen. 81 lange Tag und Nächte.

Immer unter Beobachtung, unter der Dusche, auf dem Klo, sogar während des Schlafes. Und was machte Pekings rebellischer Mann? Die Kameras, die ihn heute im Atelier beobachten, „schmückte“ er kurzerhand mit den bekannten knallroten Chinalämpchen. Ein Hingucker, auf jeden Fall. Ein Spiel mit seinen Verfolgern. Die, die ihn bespitzeln, geraten nun selbst in den Fokus. Das wiederum wird fotografiert und dokumentiert. Ai Weiwei nutzt die Medien für sich auf nahezu perfekte Weise. In Blogs, via Twitter und Instagram kann die Welt in sein Leben schauen, wenn die Zensusbehörde nicht gerade mal wieder alles sperrt. Ein heikle Gratwanderung. „Er ist Realist genug, dass er weiß, es kann jederzeit wieder etwas passieren“, meint Sievernich.

Schließlich hat der Künstler noch einen kleinen Sohn, vier oder fünf Jahre alt, da überlegt man genau, wie man agiert. Mittlerweile haben sich die Behörden wohl arrangiert, nicht mal der Zoll macht Schwierigkeiten, wenn die Kunstwerke ausgeführt werden. Ai Weiwei hat sein ganzes Leben in die Öffentlichkeit gestellt. In gewisser Weise kann man ihn mit Christoph Schlingensief oder Joseph Beuys vergleichen, die auch immer Teil ihrer eigenen Happenings waren, und den Regierenden alles andere als gut gesonnen waren.

Drei Mal hat Sievernich Ai Weiwei mittlerweile in Peking besucht, um die Ausstellung im Gropius-Bau im Detail zu planen. Auch in den alten Traktorenhallen außerhalb Pekings waren sie, dort hat der Künstler genug Platz für große Installationen, kann sehen, ob sie funktionieren. Immerhin 3000 Quadratmeter wollen in Berlin bespielt werden, der imposante Lichthof und dazu zwanzig Räume verschiedenen Zuschnitts. Für jeden Raum, erzählt Sievernich, hat der Chinese eine Skulptur vorgesehen. Es wird frühe Arbeiten geben, aus der New Yorker Zeit, bekannte und in Deutschland noch nie gezeigte und auch aktuelle Werke. „Die Ausstellung wird helfen, China besser zu verstehen“, meint Sievernich. „Dieses Land betrifft unsere Zukunft.“

Pläne vom Gropius-Bau

In Sievernichs Peking-Gepäck befanden sich Pläne des Kreuzberger Ausstellungshauses, damit Ai Weiwei genau konzipieren kann. Er hätte, so Sievernich, ein großes Raumgefühl, das ihm hilft Ausstellungen dieser Dimension zu entwickeln. Schließlich hat Ai Weiwei als Architekt an die 60 Gebäude gebaut. Den Feinschliff der Schau aber werden seine Assistenten aus Peking vor Ort übernehmen, sie haben Pässe und dürfen reisen. Irgendwann im Januar werden die Kunstwerke per Container aufs Schiff verladen, 40 Tage dauert die Überfahrt bis Bremerhaven.

Berlin ist für Ai Weiwei nicht unbekannt, ganz im Gegenteil. Schon sein Vater Ai Qing, ein prominenter bekannter Dichter und Regimekritiker, besuchte 1979 den Westteil – auf Einladung des Presseamtes in Bonn. Der Aufenthalt in der geteilten Stadt inspirierte ihn damals zu einem Mauer-Gedicht, in dem er prophetisch die Freiheit beschwor.

Bis heute hat Ai Weiwei seinen Pass nicht zurück. Er möchte reisen, sagt er immer wieder, und auch gerne seine Gastprofessur in Berlin antreten. Aber er will, auch das betont er stets, dann wieder zurückkehren in sein Land. Schließlich ist die Konfrontation auch der Nährboden für seine Kunst.