Interview

„Ich fühle mich wie ein gezähmter Wolf“

Jim Jarmusch, König des Independent-Kinos, klagt über ausbleibende Filmfinanzierungen

Sein Haar war schon immer weiß, auch als er noch jung war. Andernfalls wäre es wohl jetzt weiß geworden: Jim Jarmusch ist mit Filmklassikern wie „Down By Law“ und „Broken Flowers“ so etwas wie der König des amerikanischen Independent-Kinos. Aber auch Könige gelten nichts mehr im eigenen Land. Für seinen neuen Film „Only Lovers Left Alive“, der jetzt in die Kinos kam, brauchte Jim Jarmusch Jahre, bis er ihn finanziert bekam. Erstmals konnte der 60-Jährige dabei nicht mehr mit seiner eigenen Produktionsfirma arbeiten, sondern musste in Deutschland drehen. Ein Regisseur hadert mit seiner Berufung. Peter Zander hat ihn im Soho-House getroffen.

Berliner Morgenpost:

„Only Lovers Left Alive“ ist ein Vampirfilm. Springt jetzt auch ein Jim Jarmusch auf den „Twilight“-Zug?

Jim Jarmusch:

Ja, ich habe gehört, damit ließe sich viel Geld machen. (lacht) Nein, Einspruch: Ich hätte mit dem Film schon vor allen anderen kommen können. Wenn man mich nur gelassen hätte. Ich habe allerdings sieben Jahre gebraucht, um ihn realisieren zu können.

Warum hat das so lange gedauert?

Die Finanzierung! Niemand wollte mir helfen, den Film zu machen. Alle meinten, das sei zu unüblich, ich wolle den Leuten nicht das geben, was sie wollen. Bei solchen Sätzen würde ich am liebsten meine Knarre ziehen. Das ist doch nun wirklich nicht mein Job. In der früheren Fassung hatte der Film noch viel mehr das, was man von einem Vampirfilm erwartet. Aber ich habe mehr und mehr davon rausgenommen. Ich bin wohl etwas sauer geworden. Die Landschaft der Finanzierung hat sich völlig gewandelt. Und dies ist mein allererster Film überhaupt, an dem ich nicht selbst die Rechte habe, den ich nicht mit meiner eigenen Produktionsfirma gemacht hat. Das war eine völlig neue Erfahrung.

Als Sie in den 80er-Jahren begannen, war das die kreativste Ära des amerikanischen Independent-Films. Ist der womöglich an einem Ende angelangt, sind Sie der letzte Dinosaurier einer vergangenen Zeit?

Das ist hart, Sie das sagen zu hören. Ich hoffe doch, es kommen viele junge Talente nach, von denen wir nur noch nichts gehört haben. Aber Sie haben schon recht, da hat sich etwas komplett gewandelt. Das hat mit dem Verleih und der Vorführung zu tun. Alles in der Welt ist mehr Corporate, die Filmtheater gehören großen Companys. Da haben es die Kleinen immer schwerer. Letzter Dinosaurier? Ich weiß gar nicht, ob ich jemals noch mal einen Film finanzieren werde. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das noch will. Das ist so kräfteraubend. Es macht nicht mehr diese Freude wie früher. Ich muss plötzlich ganz viele Faktoren einkalkulieren, über die ich früher nie nachdenken musste.

Woody Allen hat zuletzt viel in Europa gedreht, Sie in Spanien und jetzt in Deutschland. Ist Europa das neue, bessere Heim für den US-Independent-Film?

Kann gut sein. Ich sollte hier eine Zweitwohnung beziehen. Wobei mein Film in Spanien mit US-Geldern finanziert war, da sah die Sache noch anders aus. Aber „Only Lovers“ wurde zu großen Teilen in Deutschland gedreht, weil hier das Geld herkommt. Ich musste mit Leuten arbeiten, die ich noch gar nicht kannte. Das war am Ende eine großartige Bereicherung, ich will also nicht jammern. Aber ich musste erstmals im Studio drehen. Das ist einfacher, aber auch künstlicher. Ich habe es gehasst. Ich fühlte mich wie ein gezähmter Wolf.

Die Vampire Ihres Films kommen aus einer anderen Epoche, sie hadern mit der modernen Zeit. Gilt das ein wenig auch für Sie, sind Sie ein Vampir der Filmindustrie?

Nun, wahrscheinlich schon. Wohlgemerkt: Ich bin nicht nostalgisch, ich heule nicht den alten Zeiten nach. Okay, ich habe mich lange gewehrt, digital zu drehen. Ich liebe das alte Filmmaterial. Aber letztlich sind alle Techniken nur Werkzeug; was du daraus machst, darauf kommt es an. Ich liebe es, Schwarzweiß zu drehen. Auch wenn die Leute sagen, es gibt doch Farbe heute. Man muss auch mit alten Techniken arbeiten dürfen. Es gibt ja schon junge Leute, die nicht mal mehr wissen, was CDs sind. Wie wollen Sie denen erklären, dass eine alte Schallplatte noch ganz anders klingt als ein Download? Das ist traurig, die verpassen da was. Aber es sagt dir halt auch, dass du zu den alten Leuten zählst.

Das klingt alles so, als ob Sie sich womöglich aus dem Filmgeschäft verabschieden wollen? Haben Sie einen Plan B?

Nein, ich arbeite an einem weiteren Projekt. Das würde ich gerne nächstes Jahr machen. Aber vielleicht kriege ich das gar nicht finanziert. Keine Ahnung. Die Filme müssen wohl noch kleiner, intimer und persönlicher werden. Das ist schon sehr frustrierend. Vielleicht sollte ich wirklich über etwas Neues nachdenken, ich bin es leid, so kämpfen zu müssen. Tatsächlich mache ich in letzter Zeit wieder mehr Musik. Das erfüllt, das befriedigt mich mehr. Aber ich liebe das Filmemachen, ich will’s nicht aufgeben.

Tilda Swinton sagte, eigentlich seien all Ihre Filme Vampirfilme. Wegen Ihrer somnambulen Helden. Stimmen Sie dem zu?

Ich kann nicht wirklich zustimmen, aber ich liebe es, wenn sie das sagt. Sie darf das, sie darf sowieso alles. Ich habe in diesen sieben Jahren oft daran gedacht, den Film aufzugeben. Aber ich habe ihn für Tilda geschrieben und sie war es, die mich immer wieder ermutigt hat. Immer wenn wieder eine Finanzierung geplatzt ist, sagte sie: O das ist gut. Ich dachte, sie hört mir nicht zu. Aber sie meinte das wirklich so. Sie sagte, denk dir einfach, wir seien Vampire. Zeit kann uns egal sein. Ihr Filmpartner sollte eigentlich Michael Fassbender sein, aber als der Dreh sich wieder verzögerte, stand er nicht mehr zur Verfügung. Ich war am Boden zerstört. Und wieder sagte Tilda: Dann sollte das so sein, dann ist er nicht der Richtige. Am Ende hat sie recht behalten. Ohne Tom Hiddleston könnte ich mir den Film nicht mehr vorstellen.

Ist es Ironie, dass die meisten Tom Hiddleston aus den „Thor“-Filmen kennen? Und jetzt möglicherweise Blockbuster-Fans Ihren Film schauen werden, nur um ihn zu sehen?

Ich habe mal gesagt, wir sollten ein paar Szenen drehen, in denen er sein Hemd auszieht. Das war ein Witz, aber mein Produzent hätte das sofort gemacht. Tom ist wohl wirklich eine Geheimwaffe, es gibt ja wahre Hiddlestoners, zu Tausenden. Aber ich denke nicht in solchen Kategorien. Und sie werden den Film wohl auch nicht mögen.