Kunst

Horrorshow des Mittelalters

Hieronymus Boschs atemberaubende Gemälde warten auf ihre Entschlüsselung

Die Hölle ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Da mag ein populärer Papst wie Franziskus mit seinen Predigten noch so sehr die Menschen mitreißen, die verloschene Flamme der ewigen Verdammnis kann auch er nicht wieder entfachen. Die Hölle ist heute in anderen Breitengraden. Und so schreckt uns auch das Weltinferno des Hieronymus Bosch nicht mehr richtig. Eher fühlt man sich sehr gut unterhalten, wenn dieser meisterliche Bildererzähler aus den frühen Tagen des 16. Jahrhunderts seine Menschlein auf spitzen Ästen aufspießt, sie in Krötenfässern ersäuft und von allerlei Klingen durchbohren lässt. So wie man bei der Fernsehserie „Game of Thrones“ gerne zusieht, wenn wieder eine Figur auf fantasievolle Weise aus dem Leben scheidet. Das Privatvergnügen an der Mittelalter-Horrorshow. Der Prachtband „Hieronymus Bosch“, soeben im Taschen Verlag erschienen, ist zweifellos ein „coffee table book“.

Für Kulturpessimismus gibt es aber keinen Grund zur Klage, schließlich waren Boschs Gemälde wohl immer schon eher auf Unterweisung denn auf Erschütterung angelegt. Für die Breitwand-Unterhaltung waren ganz andere zuständig; allen voran Michelangelo, der in der Sixtinischen Kapelle überdimensional an die Decke malte, wie Gott Adam den Lebensfunken eingibt. Großes Kunstkino ist das. Die Werke von Hieronymus Bosch wurden dagegen geschaffen, um in privater Zwiesprache studiert und langsam entschlüsselt zu werden. Schon allein das charakteristische Nebeneinander zahlreicher Einzelszenen in einem Bild verlangt eine solch behutsame Herangehensweise.

Moralisches Gewissen

Der Maler hat der Nachwelt eine Reihe von Triptychen hinterlassen, am bekanntesten sind „Der Heuwagen“ und „Der Garten der Lüste“. Dass die Überladung der Holztafeln mit Figurenpersonal durch diesen Maler aus dem niederländischen ’s-Hertogenbosch durchaus Methode hatte, erklärt Stefan Fischer, wenn er bei der Beschreibung von Boschs Triptychon „Das Jüngste Gericht“ (um 1506) den Evangelisten Matthäus zitiert: „Viele sind gerufen, aber nur wenige ausgewählt.“ Der moralischen Verkommenheit der Masse steht bei Bosch die Aussicht auf individuelle Erlösung gegenüber. Auftraggeber für „Das Jüngste Gericht“ war Herzog Philipp der Schöne, der auch als König von Kastilien und Léon regierte. Jener Philip ließ sich in dem Werk auch selbst abbilden, und zwar in Gestalt des heiligen Bavo, ein Adeliger, der sein Hab und Gut an Bedürftige beschenkte.

Vermutlich wollte sich der Herzog selbst mit der Außentafel an einen sittsamen Lebenswandel erinnern – um nicht später bei der apokalyptischen Seelensortiermaschine auf der falschen Seite zu landen. Beim „Jüngsten Gericht“ hat Bosch, zwischen der Vertreibung aus dem Paradies links und dem höllischen Dämonenreich rechts, einen düsteren Mittelteil geschaffen, der ewiges Verderben bringende Todsünden wie Wollust oder Völlerei darstellt. Der Bildvordergrund mit Krötenfass und allerlei gezückten Klingen soll übrigens auf die Todsünde Zorn hinweisen – wohl als Warnung für einen kriegsgestimmten Herzog gedacht. Auch die anderen großen Gemälde des Malers wie „Die Versuchung des heiligen Antonius“ (um 1502) oder den „Garten der Lüste“ (um 1503) zeigt „Hieronymus Bosch. Das vollständige Werke“ sowohl in Gänze wie auch in zahlreichen, ganz- oder doppelseitig abgebildeten Detailausschnitten.

Prachtband von Format

Allein das Format des Prachtbandes lässt die Kunst von Bosch auf besondere Weise erfahrbar werden: Wenn man die Abbildung des „Gartens der Lüste“ auf eine Kantenlänge von über einem Meter ausklappt, hat man wirklich das Gefühl, sich in diese grüne Idylle der gesundheitsschädlichen Sinnesfreuden hineinzubegeben: Man wandelt unter kanarischen Drachenbäumen und staunt über die vielfältigen Darstellungen unterschiedlicher Sexpraktiken.

Bosch ist Erziehungs-Kunst für Erwachsene, und doch erkennen wir seine Gemälde als Vorläufer für die pädagogischen Wimmelbilderbücher unserer Kindheit. Nur das Fuchs und Hahn in den Visionen des Malers keine Naturwesen auf dem Bauernhof sind, sondern Symbole für Versuchung und Glauben. In Boschs Kunst mischen sich das Fremde und das Vertraute, das Alltägliche wie das Abseitige. Eben das macht die Faszination seiner Bilder für uns aus.

Stefan Fischer: Hieronymus Bosch. Das vollständige Werk. Taschen Verlag, 306 Seiten, 99,99 Euro