Sachbuch

Oben Norden, unten Süden: Auf der Spur des Nullmeridians

In der Nähe des winzigen englischen Badeorts Tunstall taucht er aus der Nordsee auf. Vom Eis des arktischen Ozeans kommend, erreicht er hier erstmals Festland. Weiter geht es durch den Ärmelkanal über die Pyrenäen nach Spanien, wo er Europa verlässt. Die Fortsetzung folgt in Algerien, Mali, Burkina Faso, Togo und schließlich Ghana. Hier, am Strand der künstlich errichteten Stadt Tema, ein paar hundert Kilometer nördlich des Äquators, ist sein halbwegs begehbarer Verlauf beendet. Der Rest ist Wasser.

Der Nullmeridian – das ist die unsichtbare, schnurgerade Linie, die die Erde in eine westliche und eine östliche Hemisphäre teilt. Das ist die Bezugsgröße für jegliche Orts- und Zeitbestimmung. Ohne ihn gäbe es kein präzises Hier und Jetzt. Die Anziehungskraft, die vom Nullmeridian ausgeht, ist recht zwiespältig. Faszinierend ist seine strikte Geradlinigkeit, die bestechende Rationalität der Linie. Sie gibt Form und Struktur. Zugleich übt dieser abstrakte Raumteiler Macht über die sinnliche Welt aus. Er tut der Wirklichkeit Gewalt an, seine Ordnung kann als Willkür erscheinen. Doch dass der Nullmeridian unterschiedlichste Räume durchquert und eine Geschichte hat, macht ihn zugleich zu einem ungeheuren Erzählgenerator. Der Nullmeridian ist ein Abenteuererzähler.

All diese Ambivalenzen des Meridians, sein Oszillieren zwischen Lust und Macht, sind gegenwärtig sehr attraktiv für Literatur und Wissenschaft. Damit teilt er das Schicksal vieler Phänomene, die sich mit Raumordnungen, Globalität und ihrer Geschichte verbinden. Gerade der Wissenschaftsjournalismus hat in den letzten Jahren mehrere Regalmeter Raum-, Vermessungs- und Kartografieliteratur produziert. Es begann mit Dava Sobels Erfolgsgeschichte „Längengrad“ und führte über den Diebstahl topografischer Karten zu Biografien Gerhard Mercators und etlichen Berichten über historische Entdeckungsreisen. Mit „Die verborgene Ordnung“, einer „Reise entlang des Nullmeridians“, schreibt sich der niederländische Journalist, Reisereporter und Romancier Alfred van Cleef in diese Reihe ein.

Der Weg entlang des Nullmeridians schneidet verschiedene Kulturen, an das Globale der Linie lagern sich lokale Geschichten an. Sie erzählen vom französischen Krieg in Algerien und dem deutschen Kolonialismus in Togo. Sie kennen die Wege der Migration und des Menschenhandels im Norden Afrikas. Sie wissen von den Gemengelagen mit Tuareg und Al-Qaida-Kämpfern in Mali. Die Reise mit van Cleef berührt diverse Landeskunden und mehrere Religionen, sie streift antike Kosmografie, Mathematik und Astronomie. Dabei wird vor allem eines klar: Das Ordnungsversprechen des Meridians – es ist eine Schimäre. Draußen, im Wirklichen, herrscht heillose Unordnung.

Alfred van Cleef: Die verborgene Ordnung. Mare, 432 Seiten, 24 Euro.