Roman

Frisch renoviert: Thackerays Klassiker „Barry Lyndon“

William Makepeace Thackeray, der am Weihnachtstag vor 150 Jahren gestorben ist, veröffentlichte seinen „Barry Lyndon“ zunächst 1844 unter Pseudonym.

Der Roman ist von den Zeitgenossen nicht übermäßig gnädig aufgenommen worden und hat stets im Schatten von Thackerays Opus magnum „Jahrmarkt der Eitelkeit“ (1847/48) gestanden. Gemeinsam ist den beiden Werken die detailreiche Darstellung des skrupellosen Opportunismus ihrer Protagonisten.

Im Falle des älteren Romans sind wir freilich ganz auf die Auskünfte des Ich-Erzählers angewiesen. Und dass dem nicht ganz zu trauen ist, wird im Fortgang der Lektüre immer deutlicher. Was anfangs noch als selbstironisch-kokettes Spiel mit der eigenen Glaubwürdigkeit erscheint – so gesteht Barry freimütig ein, seine „Schlachten, die Duelle und den Reichtum ein wenig multipliziert“ zu haben – , gewinnt zusehends Züge einer unfreiwilligen Selbstdemontage.

Mit dem „wohl charmantesten Gentleman-Gauner der englischen Literatur“, den uns der Klappentext der untadeligen Neuübersetzung von Gisbert Haefs ans Herz legt, hat dieser Barry Lyndon nichts mehr zu tun. Ganz abgesehen davon, dass es mit ihm, der sich nach seiner Rückkehr in die irische Heimat im Alter von 30 Jahren auf dem Höhepunkt des Wohlstands befindet, von da an zügig bergab geht, schlägt die psychische und seelische Konstitution des Verfassers immer stärker durch: Denn der Lyndon, der hier seine Lebensgeschichte erzählt, ist ein alter Mann, den nicht nur Gicht und Rheuma plagen. Kann er sich anfangs noch an der Attraktivität des jungen Mannes berauschen, der er einst gewesen ist, so wird immer deutlicher, auf welch schäbige Leinwand die Farben aufgetragen werden, mit denen ein zusehends verbitterter Lebemann den Glanz der eigenen Vergangenheit zu evozieren versucht. Jetzt, da die Zeiten „weitaus moralischer und sachlicher“ geworden sind, bleibt ihm nur noch die sentimentale Erinnerung an die guten, wilden Zeiten; denn sind Jugend und Reichtum erst mal verwirkt, hat die eigene Rücksichtslosigkeit auch keinerlei Aussicht mehr, als glamouröse Unverfrorenheit durchgewinkt zu werden.

So viskos sich „Barry Lyndon“ mitunter liest, so prosaisch wird der draufgängerische Glücksritter als selbstmitleidiger, verblendeter Macho entlarvt. Am beeindruckendsten aber sind die Kapitel, die sich Barrys militärischer Karriere widmen. Dass das Genre des Schelmenromans durchaus geeignet ist, die Gräuel des Krieges einzufangen, weiß man seit dem „Simplicissimus“. Die Illusionslosigkeit, mit der Lyndon die traumatischen Auswirkungen einer zur schieren Schinderei verkommenen „Kriegskunst“ in den Söldnerheeren des Siebenjährigen Kriegs schildert, weisen Thackeray als pazifistischen Autor aus.

William Makepeace Thackery: „Barry Lyndon“. Aus dem Englisch von Gisbert Haefs. Manesse, 768 S., 24,95 Euro.