Tanz

Geheimnisverrat im Ballettsaal

Polina Semionova gibt als Primaballerina ihre Erfahrungen weiter. Ein Besuch an Berlins Ballettschule, wo sie elf Mädchen unterrichtet

Was sofort ins Auge fällt, sind ihre blauen Pantoffeln mit Pelzbesatz. Die Primaballerina steht im lichtdurchfluteten Ballettsaal und hadert irgendwie mit ihren Pantoffeln. Zwischendurch streift sie die dicken Dinger ab, dann wieder drüber. Nach gut zwanzig Minuten stehen die Schuhe verschmäht am Rande. Etwas ist anders als sonst: Polina Semionova bewegt sich nicht zuerst als Primaballerina im Trainingssaal, sondern als Lehrerin, die ab und zu etwas demonstrieren muss. Die Staatliche Ballettschule hat die gebürtige Moskauerin kürzlich zur Professorin ernannt. Am Mittwoch ist sie früh aus dem Flugzeug gestiegen, um mittags ihren ersten großen Unterricht zu geben. Ein bisschen aufgeregt wirkt sie schon. Und zufrieden. Die Lehrposition anzunehmen war eine richtige Entscheidung, wird der 29-jährige Ballettstar anschließend sagen.

Zweifellos schmückt sich die Berliner Nachwuchsschmiede der Spitzentänzer mit der Semionova. Und Direktor Ralf Stabel scherzt beiläufig, schließlich sei man ja auch die größte Tanzcompagnie der Stadt. An seiner Schule wachsen rund 200 junge Tänzer und 100 Artisten heran. Dass mit der größten Compagnie ist eine Anspielung auf das Staatsballett Berlin, dem die Semionova bis zum letzten Jahr angehörte. Seither reden die Primaballerina und Ballettdirektor Vladimir Malakhov, der sie einst nach Berlin geholt hatte, nicht mehr miteinander. Auch das Verhältnis von Malakhov zur Ballettschule war lange vereist. Wenn Malakhov 2014 die Stadt verlässt, wird die Semionova wieder beim Staatsballett tanzen. Das steht bereits fest. Und so ist allenthalben Tauwetter und gute Laune zu verspüren an diesem Mittwoch.

Der Förderkreis schaut vorbei

Unter den Zuschauern haben sich die Freunde und Förderer des Staatsballetts versammelt. Ende November, da war die Semionova bereits inthronisiert, habe der Förderverein bei der Ballettschule wegen eines Besuchs nachgefragt, erzählt Alexandra van Veldhoven. Daraufhin wurde ihnen geradezu ein roter Teppich ausgelegt. „Viele freuen sich, Polina Semionova wiederzusehen“, sagt sie. Viele hatten sich über die Querelen und ihren Weggang aus Berlin geärgert. Andere wiederum ärgern sich über Malakhovs Vertragsende. Von den 230 Vereinsmitgliedern sind rund zehn deswegen ausgetreten. Aber dafür werden andere kommen, weiß Alexandra van Veldhoven, wenn Nacho Duato die Nachfolge von Malakhov antritt.

Bereits am 26. Januar will sich der künftige Staatsballettchef den Nachwuchs in Berlin anschauen. Im Schulfoyer hängt ein Aushang für eine Audition mit Nacho Duato, der Frauen und Männer, die in der klassischen Technik ausgebildet sind, für die Saison 2014/15 sucht. Dass er nach der Audition im Staatsballett wirklich jemanden einstellt, daran glaubt aber keiner so recht. Er bringe doch seine Tänzer aus St. Petersburg mit, ist auf dem Flur zu hören. Aber der Neue interessiert sich wenigstens. Gregor Seyffert, der künstlerische Chef der Ballettschule, hofft auf eine gute Zusammenarbeit mit Duato. Er möchte gerne von ihm eine Choreografie für seine Schule, für die repräsentativen Galas, haben. Alle bereiten sich auf eine neue Zeit in Berlins Ballettwelt vor.

Die neue Honorarprofessorin ist derweil im Trainingssaal zugange. Es gibt wohl nichts Schöneres und Langweiligeres, als elf Ballettmädchen zuzuschauen, die an der Stange ihre Grundbewegungen trainieren. Irgendwie wirkt die Semionova wie ein großes Mädchen unter ihnen. Die junge Professorin läuft auf und ab, gibt knappe Anweisungen. Ein Balletttraining ist zweifellos keine philosophische Angelegenheit. Es wird nicht viel geredet, dafür zu Beginn ausdauernd bis Acht gezählt. Die Weisheit des klassischen Tanzes steckt tief im Körper verborgen. Es ist nicht leicht, sie hervorzuholen. „Ich weiß genau, wie sich die Mädchen fühlen, was in ihnen vorgeht“, sagt Polina Semionova und fügt verschmitzt hinzu: „Ich teile meine Geheimnisse mit ihnen.“

Der Geheimnisverrat hat hauptsächlich mit den Füßen, dem Oberschenkel und dem Kopf, der bei den Pirouetten immer in eine Richtung zeigen muss, zu tun. Zwischendurch dreht die Semionova einem Mädchen den freischwebenden Fuß leicht herum, was alles leichter und eleganter macht. Ansonsten gibt es sehr wenig Berührungen im Training. Es geht vor allem um klassische Tradition. Die Berliner Ballettschule ist der russischen Waganowa-Methode verpflichtet.

Nach etwa einer Stunde stehen die Mädchen auf der Spitze, werden die Sprünge raumgreifender. Immer dann, wenn die Semionova sich scheut, etwas zu erklären, macht sie es einfach vor. Das ist atemberaubend. Und etwas besseres kann den jungen Mädchen auch gar nicht passieren. Der klassische Tanz ist die hohe Kunst der Nachahmung. Je besser der Lehrer ist, desto besser die Schüler. Ihr geht es auch um die innere Leidenschaft. „Das ist so schön, dieser Übergang“, sagt Polina Semionova plötzlich bei einer Bewegung. Man zuckt fast zusammen, weil sie es tatsächlich ausspricht. Ballettschulchef Gregor Seyffert meint, die Polina sei eine wunderbare Farbe im Ausbildungsprofil seiner Schule, weil sie „ihre Lehre nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart schöpft“. Sie mache im Unterricht das, was sie gestern Abend noch auf der Bühne vorgeführt habe.

Gute Technik ist Voraussetzung

Die Ballettmädchen sind am Ende verschwitzt und zufrieden. Die 18-jährige Clara Jörges meint, das Besondere an Polina Semionovas Unterricht sei, dass sie so viel Aufmerksamkeit auf den Ausdruck legt und zeigt, wie man das technisch ausführt. Eine gute, abrufbare Technik ist einfach Voraussetzung für das Training mit einer Primaballerina. Im Nachhinein meint die Semionova auf Nachfrage, ja, sie habe schon einige potenzielle Solistinnen gesehen. Aber man müsste mit ihnen intensiver arbeiten, fügt sie hinzu und zuckt zugleich mit ihren schlanken Schultern. Sie selbst hat keine Zeit dafür, weil sie bereits wieder in der großen Ballettwelt unterwegs ist.

An der aktuellen „Nussknacker“-Produktion des Staatsballetts sind 72 Eleven der Ballettschule beteiligt. Das hat Tradition. Eine wichtige Kooperation, findet Gregor Seyffert. Direktor Stabel nennt es eine „klassische Win-Win-Situation“. Kooperationen habe man aber auch mit anderen Compagnien und Institutionen. Nur zwei bis drei Schüler von rund fünfzehn Absolventen gehen jährlich in klassische Compagnien. Andere gehen zum Friedrichstadtpalast, in Musical-Produktionen oder in zeitgenössische Unternehmungen. Er sei immer wieder erstaunt, meint Stabel, wie sehr sich die „Kinder für die Showsachen interessieren“. Die Ballettschule hat sich deshalb breiter aufgestellt. Zweifellos aber ist das Staatsballett eine der besten Adressen. Dort in Charlottenburg ist derzeit auf dem Flur zu hören, dass gerade in der Ballettschule ein guter Jahrgang heranwächst. Es ist schon erstaunlich, wie ein Chefwechsel der guten Stimmung, der gegenseitigen Wahrnehmung hilft.