Bühne

Wer braucht schon ein ausgefeiltes Programm, wenn er geliebt wird

Rainald Grebe widmet sich in seiner neuen Show im Admiralspalast mit viel Musik der „Berliner Republik“

Rainald Grebe hat ein neues Programm. Es heißt „Berliner Republik“. Es ist ein Jahresrückblick, eine Kritik des Finanzkapitalismus, eine Zurschaustellung seiner Körperfunktionen per Live-Kamera. Es geht um Inneres und Äußeres, um Fußoperationen und irgendwie um, ach was war das noch gleich?

Die ersten 20 Minuten der Premiere am Dienstagabend hampelt Grebe in silbrig glänzender Anzughose auf der Bühne des Admiralspalastes herum und kündigt außergewöhnlich laut brüllend dies und das an ohne, dass irgendetwas Nennenswertes passiert. Gegen das Freihandelsabkommen sollen wir unterschreiben und zum Social Dance sind wir geladen. Das Wort „Betriebsweihnachtsfeier“ fällt gleich mehrmals, aber an diesem Konzept verliert er dann doch schnell das Interesse. Von der angekündigten Politik-Kritik bleibt nicht viel übrig als die Fette Henne an der Wand, die den Berliner Bär geschluckt hat und ein Foto mit Ex-Staatsminister Eckart von Klaeden. Ist aber auch egal. Wir sind da und er, die Kapelle der Versöhnung spielt, die Bläserinnen sehen aus, als bedienten sie im Politbüro und irgendwann fängt Grebe doch tatsächlich noch zu singen an und alle sind glücklich.

So richtig sitzen tut das neue Programm noch nicht. Zwischendurch braucht Grebe ein Blatt in der Hand, auch wenn da nicht mehr steht als: „Ha, ha, ha, der Text ist noch nicht ganz da.“ Die Leute glucksen trotzdem begeistert. Immerhin gibt ihm diese Offenheit die Chance, schnell noch aktuelle Ereignisse einzubauen. „Das Ende des weißen Mannes“ zeige sich unter anderem an Ursula von der Leyen: „Ein BH befiehlt bei der Bundeswehr“, heißt es in dem Lied. Und wer braucht schon ein ausgefeiltes Programm, wenn er geliebt wird.

„Dankwart ist Tankwart, Mischa ist Fischer“, singt Rainald Grebe. „Bushido lutsch meinen …“ Sie können es sich denken, es reimt sich auf „Markus Lanz“. Das Publikum liebt Grebe für seine kleinen gemeinen Beobachtungen. Für seinen bösen Spott auf Brandenburgs Leere in der legendären Ballade auf das Bundesland, für seine Fiesheiten über die bürgerliche Boheme am Prenzlauer Berg, die sich im Holzspielzeug verwirklicht. Sein Hauptangriffspunkt, in den alten wie auch im neuen Programm, sind die Selbst-Optimierer. Die, die alles richtig und besser machen.

Großartige Lieder hat er so hervorgebracht. In der „Berliner Republik“ allerdings finden sich nur wenige Höhepunkte. Der Statistik-Song „Fliegen wir mal drüber“, der alle möglichen Zahlen der Bundesrepublik mit leicht vorwurfsvollen Ton einander gegenüberstellt, könnte auch beim nächsten Evangelischen Kirchentag gesungen werden, ebenso wie das „Loch im Himmel“ über den Kinderglauben, der sicher ist, eine höhere Macht lebe in der Lampe des Kinderzimmers und der eines besseren belehrt wird. „Der Liebe Gott ist Wechselstrom.“ In „Kokon“ jammert jemand darüber, dass es ihm zu gut gehe, seit Angela Merkel das Land regiert. „Unter Muttis Rock“, singt Grebe. Merkel = Mutti, ein Witz, der einfach nicht besser werden will, auch wenn ihn mittlerweile wirklich jeder macht.

Zum Ausgleich gibt es jede Menge Klamauk auf der Bühne. Rainald Grebe übt den irren Marty Feldmann Blick, fast glaubt man, er presst gleich seine Augen raus, er zeigt Pirelli Kalender-Bilder von sich und tanzt Boygroup-Tänze mit der Kapelle der Versöhnung. Wirklich groß ist in der ersten Hälfte nur das Lied „Art“, ein Zusammenschnitt dämlicher Phrasen aus dem Regie-Betrieb deutscher Theater: „Ich mach Art.“

Aber glücklicherweise gibt es noch die zweite Hälfte. Da ist die Akustik zwar nicht besser, dafür sind es aber die Lieder. „Kapitulation“ wird auf jeden Fall in sein Zugabenprogramm mit aufgenommen werden. „Madonna war wieder in Afrika, Bono war schon vor ihr da“. Eine Botschaft an die Wichtigtuer dieser Welt ist Kapitulation, wen interessiert schon all das Protestgehabe: „Künstler, haltet den Ball flach.“

Das gilt vielleicht auch für den Künstler im Admiralspalast. Nur nicht zu viele Ambitionen. „Vielen Dank fürs Kommen, wir arbeiten dran“, sagt Grebe zum Abschied. Lass nur. Die „Berliner Republik“ ist auch improvisiert ganz schön.