Literatur

Unendlicher Spaß mit der GroKo

Wie viel Literatur steckt eigentlich im Koalitionsvertrag? Eine Lesung

„Wie ein Roman von David Foster Wallace“, urteilt der Journalist Georg Diez. Da ist er sich sicher. Dieser Realismus, das erkenne man sofort. „Ein hoffnungsloses Subjekt, das da hilflos vor der Warenwelt steht“, darum gehe es hier. Wie ein „Wimmelbuch“ sei der Text geschrieben. „Ein Kinderbuch der kinderlosen Angela Merkel.“ Man würde nicht direkt darauf kommen, welches Dokument der „Spiegel“-Autor hier beschreibt: Die Rede ist vom Koalitionsvertrag der 18. Wahlperiode, der am Montag unterzeichnet wurde.

Das Internationale Literaturfestival und die Stiftung Mercator haben am Abend zur Lesung des Vertrags geladen, auf dessen Grundlage CDU, CSU und SPD in den nächsten vier Jahren gemeinsam das Land regieren wollen. Allerdings geht es nicht um die politischen Perspektiven, sondern um die literarischen Qualitäten des Texts. Was ist der Großen Koalition da gelungen? Ein Ladenhüter oder ein Klassiker? Zu diesem Zweck verlesen Schauspieler eine extrem verdichtete Version des Textes, knapp ein Zehntel, und im Anschluss diskutierten Journalisten über Rhetorik, Stilmittel und Aussage des Textes.

„Deutschland ist in guter Verfassung – auch dank einer gezielten Reformpolitik der Vergangenheit“, las der Schauspieler mit gespielter Ernsthaftigkeit, und im Saal wurde erfreut gekichert. „In vier Jahren soll unser Land noch besser dastehen als heute.“ Eine Journalistin grinste breit und schrieb eiligst in ihren Block. „Bildung, Wissenschaft und Forschung sind Kernanliegen der Koalition.“ Hohngelächter von der Seite. „Wir wollen einen Staat, der Freiheit und Sicherheit für die Menschen überall gewährleistet.“ Hihi. Nur wenige Zuhörer blieben ernst, der Großteil schien sich herrlich zu amüsieren. „Das ist dada“, flüsterte der Soziologe Harald Welzer seiner Sitznachbarin zu. Das Publikum amüsiert sich mit derselben intellektuellen Überheblichkeit, als lauschte es verunglückten Fußballer-Interviews.

Was genau aber ist am „nachhaltigen Wohlstandsmodell“, oder an dem Vorhaben, die „Regenbogenfamilie“ zu stärken, so wahnsinnig witzig? Gut, ein Wort wie „Willkommenskultur“, die in „unserem Land“ herrschen solle, ist in der Tat so sperrig, dass man eigentlich nur drüber lachen kann. Dennoch verriet die große Heiterkeit der Zuhörer und die konsequent ironische Vortragsweise der Schauspieler vor allem eines: Das Volk versteht nicht so recht, was die Politiker ihm da eigentlich mitteilen wollen.

Glücklicherweise saßen bei der anschließenden Diskussion auch Stefan Kornelius von der „Süddeutschen Zeitung“ und Andreas Platthaus von der „FAZ“ auf dem Podium. „Der Koalitionsvertrag“, klärte Kornelius auf, „ist das Protokoll einer Therapie-Sitzung.“ Das Dokument eines entfremdeten Paares. Generell aber wollte er nicht so recht mitmachen beim unendlichen Spaß über das Papier. „Man muss diesen Text dekodieren“, erklärte er. Unter literarischen Gesichtspunkten sei vielleicht ein Satz „leer oder kalt oder glatt“, wie Diez gesagt habe, „aber da steckt was drin.“ Zum Beispiel: “ Der Gesamtlärm von Straße und Schiene muss als Grundlage für Lärmschutzmaßnahmen herangezogen werden“ klinge vielleicht sehr abstrakt. Dahinter aber verbergen sich durchaus konkrete Antworten auf Fragen wie: „Muss der Bund die Lärmschutzfenster der Mercator Stiftung mitfinanzieren?“

Wie erhellend eine Untersuchung der literarischen Qualitäten des Koalitionsvertrags sein kann, zeigten die Einsichten von Andreas Platthaus. Der Text sei „eine Art ecriture automatique“, sagte er: „Der innere Monolog einer größeren Personengruppe.“ Insofern gebe es also einen Wir-Erzähler, ein bei großen Romanen sonst eher ungewöhnliches Stilmittel, das zugleich aber auch die Unsicherheiten darüber verrät, wer dieses „wir“ denn nun eigentlich ist. „Die Erzähler scheinen selber nicht so recht zu wissen, wie es weitergehen wird.“ Die Gattung des Textes sei klar: „Science Fiction“. Ein Zukunftsroman.

Aufgrund der Lesung des Abends könne man jedoch nicht so richtig beurteilen, welch große Literatur sich im Koalitionsvertrag verberge. „Wir haben jetzt ja eine Art Jugendversion gelesen. Das ist wie Moby Dick auf 20 Seiten zu lesen. Da verliert sich das Großartige, all diese Details des Textes.“ Platthaus empfahl dem Publikum, noch mal alles nachzulesen. „Wenn sie vier oder fünf Stunden Zeit haben, es lohnt sich.“