Veranstaltungsreihe

Das Ministerium verwandelt sich in ein Märchenland

In der Konzertreihe „So klingt Europa“ begrüßt Wolfgang Schäuble die Letten. Im Januar führt das Land den Euro ein

An diesem Nachmittag hat der 71-jährige Bundesminister der Finanzen einen dieser absoluten Feel-Good-Termine. Gerade erst ist Wolfgang Schäubles Engagement als Finanzminister verlängert worden. Schäuble wird das dritte Mal im Kabinett Merkel einen Minister geben. Jetzt aber lässt er die Politik mal Politik sein und lädt um die 200 Gäste in sein Finanzministerium ein. „So klingt Europa“ heißt die Reihe, in der das Ministerium die anderen Euroländer zum geselligen Beisammensein bei Knabbereien und Kunst in das Detlev-Rohwedder-Haus in die Wilhelmstraße 97 einlädt. Lettland ist heute zu Gast.

Da kommt also der lettische Finanzminister Andris Vilks, der Star-Violinist Gidon Kremer ist mit seinem Streichorchester Kremerata Baltica angereist, eine lettische Indie-Dream-Pop-Künstlerin mit Dutt hat ihr Klavier mitgebracht und wird darauf traurige Lieder spielen, und während all das passiert, wird die lettische Malerin Agate Apkalne noch eine Postkarte malen. Wer sich da nicht wohlfühlt, ist selber schuld.

Am 1. Januar jedenfalls wird Lettland den Euro als Bargeld einführen. Und glaubt man Umfragen, freuen sich weniger als 18 Prozent der Letten auf den Euro. Dabei sind die Münzen zauberhaft schön. Die Zwei-Euro-Münze ziert zum Beispiel das Motiv der Korrekturleserin Zelma Brauere (1900-1977). Deren Antlitz zierte auch schon die 5-Lats-Münze und den 500-Lats-Schein. Darauf zu sehen war die junge Dame mit geflochtenem Zopf, mit einer Krone und mit Kornähren, die um die Schulter gelegt sind. Die 5-Lats-Münze war vor dem zweiten Weltkrieg die wertvollste der lettischen Münzen, weil sie aus 25 Gramm Silber geprägt wurde. Auf den Cent-Münzen ist übrigens das Wappen Lettlands zu sehen.

Der lettische Finanzminister Vilks ist natürlich einer der etwas weniger als 18 Prozent. Er freue sich wahnsinnig auf den Euro, sagt er oben im Gespräch auf der Bühne mit Schäuble und dem Geiger Kremer. Die zweihundert Gäste hören durch die Kopfhörer per Simultanübersetzer, wie er meint, dass Lettland vor drei, vier Jahren noch ein Problemkind war, jetzt aber als Inspiration für andere Länder dient. Und Wolfgang Schäuble weiß zu berichten, dass er am Ende des Abends ein tieferes Verständnis für Lettland haben wird als noch am Morgen. Er meint damit, die Musik, die gleich zu hören sein wird.

Gidon Kremer will auch noch etwas sagen. „Europa darf nicht nur U-Musik, nicht nur Pop sein.“ Kremer ist ein großer Musiker, keine Frage, aber es ist ja doch so, dass er sich jetzt ein bisschen verrennt. E- und U-Musik, das sind Kategorien aus einer Zeit, in der man absolut in Gut und Böse, Schwarz und Weiß unterteilen wollte. Dieser Maßstab wird der heutigen Musik wohl nicht gerecht. Pop-Bands spielen Musik an der Deutschen Oper, der Berliner Techno-DJ Apparat schrieb die Musik zu einer Bühnenadaption von Tolstois „Krieg und Frieden“. Die Grenzen sind offen, nicht nur in Europa, sondern auch in der Musik. Gut, dass Schäuble jetzt anmerkt, man habe genug geredet. Auch er will lieber Musik hören als darüber sprechen.

Wenn Kremer mit seinem Orchester spielt, mit dem Vibrafonisten, dann löst er die Grenzen selber auf. „Flowering Jasmine“ ein tiefblaues Melancholium des lettischen Komponisten Georgs Pelēcis. Das Vibrafon versetzt den Erzberger-Saal des Ministeriums in eine tiefe Klangwelt, in eine Märchenlandschaft. Die Streicher, fidel, kräftig, tänzelnd, und dieses Unterwasser-Instrument-Vibrafon.

Und Elizabete Balčus, die junge Frau am Flügel, sie singt so verhuscht. So zwischen Wörtern. Auf Englisch, aber doch, in Lauten. Der Dutt steht ihr großartig, und sie trägt so eine Art Matrosenkostüm. Spätestens als sich Minister und Sekretäre mit Musikern und Künstlern am Büffet treffen, da wird klar, Europa klingt ziemlich gut. Denn klirrende Gläser und Lachen heißen doch: Wir sind Freunde.