Interview

Ein Plädoyer für religiöse Toleranz

Regisseur Philipp Stölzl über sein Mega-Epos „Der Medicus“, das seine Weltpremiere im Zoo-Palast feiert

Der Mann sucht die Herausforderungen. In „Nordwand“ hat Regisseur Philipp Stölzl in der Eiger Nordwand gedreht, in „Goethe!“ hat er den Dichterfürsten als verliebten Studenten gezeigt. Das alles aber ist nichts gegen „Der Medicus“, der am Montag im Zoo-Palast uraufgeführt wurde und am 25. Dezember ins Kino kommt: ein 800-Seiten-Wälzer, ein 25-Millionen-Euro-Budget, 65 Drehtage, ein Cast mit Weltstars und Heerscharen an Statisten. Zwischen Dreharbeiten und Schnitt hat er auch noch zwei Opern in Berlin inszeniert. Wie schafft man das? Peter Zander hat mit Stölzl gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Haben Sie „Der Medicus“ je gelesen, bevor das Angebot kam?

Philipp Stölzl:

Ja, ich habe das auf einer Italienreise gelesen. Ich finde, das ist eine klassische Strandlektüre. Ein Populärwerk, das man so im Urlaub verschlingt. Sonst schafft man die 900 Seiten wohl auch kaum.

Hätten Sie je gedacht, dass Sie es einmal verfilmen würden?

Natürlich nicht. Aber als kleiner Junge habe ich immer Abenteuerbücher verschlungen. Und einmal so eine Art von Film machen zu können, das ist schon ein großer Jugendtraum.

Wie kam das Projekt an Sie?

Das Projekt war lange in der Entwicklung. Seit den 80er-Jahren haben verschiedene Produzenten versucht, es zu verfilmen. Es gibt zahllose Drehbuchfassungen. Aber es hat nie so richtig geklappt. Die 900 Seiten adäquat zu komprimieren, das ist sicher leichter in eine zehnteilige Serie zu packen als in einen Film. Und es war auch von Anfang an klar, dass es ein teurer Film würde.

Da würde man erst mal an einen großen Regisseur etwa aus den USA denken.

Ja, vielleicht erst mal. Aber in den USA ist „Der Medicus“ kaum bekannt. Seine großen Territorien hat er in Deutschland und Spanien. Deshalb war klar, der muss aus dieser Ecke produziert werden. Was bei so einem Wahnsinns-Epos natürlich eine riesen Herausforderung war. Ich kam „erst“ vor zweieinhalb Jahren an Bord. Der Vorteil war, dass man aus den Schwierigkeiten der Buchentwicklung viel lernen konnte.

Der „Medicus“ ist eins der Lieblingsbücher der Deutschen. Ist das wie bei Peter Jackson und Tolkien, gibt es da eine besondere Verpflichtung, den Fans gerecht zu werden, weil die sonst empört aufschreien?

Klar gibt’s die. Wir werden mal sehen, ob da jemand aufschreit. Der Vorteil beim „Medicus“ ist, dass es für die meisten ewig her ist, dass sie das Buch gelesen haben. Wir haben Freunde und Bekannte gefragt, an was sie sich überhaupt erinnern können. Kaum jemand konnte die Handlung noch richtig nacherzählen, aber es gab bestimmte Momente, die erinnert wurden. Das sind so Leuchtturmszenen, Hingucker, die wir dann alle eingeflochten haben.

Es geht in dem Buch um Religionen und Fanatismus. Kann uns dieser historische Stoff etwas über unsere Zeit sagen?

Wenn man den Roman genau liest, ist er ein Plädoyer für religiöse Toleranz. Zwar werden alle monotheistischen Religionen auch von ihren dunklen Seiten gezeigt. Die christliche Kirche steht der medizinischen Forschung ganz klar im Weg. Und kämpferische Moslems verbreiten ihren Glauben mit Feuer und Schwert. Auf der anderen Seite gibt es aber eine starke Verständigung zwischen dem Christen und seinen jüdischen und moslemischen Freunden. Es gibt also beide Seiten, man sieht, wie Religion nicht funktioniert, aber auch wie sie funktionieren könnte, ja sollte. Daraus kann man schon was lernen, das wollten wir auch sehr betonen.

In der Welt des „Medicus“ stecken die Christen im Mittelalter, während die Moslems modern und aufgeklärt wirken.

Ja, wenn man heute auf die islamische Welt guckt, haben die meisten das Gefühl, dass diese die rückständige ist. Umso spannender ist ein solcher Rückblick: zu sehen, dass wir einmal die Rückständigen waren. Und wie viel aus unserer Kultur eigentlich aus dem Orient stammt: ob das Medizin, Mathematik oder Philosophie ist. Alles Dinge, die wir als selbstverständlichen Teil der westlichen Kultur sehen. Es tut ganz gut, dieser Kultur einmal Respekt zu zollen.

Der Film startet am ersten Weihnachtsfeiertag. Ist das sozusagen Ihre frohe Botschaft?

Ich denke, Toleranz der Religionen ist schon ein Thema, das sehr zu Weihnachten passt. „Der Medicus“ ist aber auch ein Bildungsroman, der großes klassisches Erzählkino erwarten lässt. Auch dafür ist Weihnachten die richtige Zeit.

Können Sie Weihnachten noch friedlich unterm Baum sitzen? Oder werden Sie aufgeregt warten, wie der Film anlaufen wird?

Ja schon. Ich mach ja keine Festivalfilme, wo ein paar hundert Leute reingehen, aber die Festivals jubeln. Ich will schon viele Zuschauer. Das muss auch das Anliegen sein, wenn du Populärkino machst. Das ist immer eine Zitterpartie. Aber ich habe ein ganz gutes Gefühl.

„Der Medicus“ ist Ihr bislang aufwändigster Film. Fühlt sich das auch anders an, ist der Stress größer?

Nein, beim Machen spielt das eigentlich keine Rolle. Ob du eine Oper inszenierst oder ein solches Mammutwerk: Du hast immer dieselbe Leidenschaft dafür. Und auch dieselben Leiden. Bin ich gut genug, gehe ich den richtigen Weg? All diese Selbstzweifel, die einen manchmal beschleichen, stellen sich in der gleichen Intensität ein, egal wie groß die Produktion ist.

Hat man vor einem Weltstar wie Ben Kingsley nicht mehr Ehrfurcht?

Ja, kann sein, vielleicht die ersten fünf Minuten. Glücklicherweise habe ich ja schon Übung mit Weltstars, ob Madonna, Pavarotti oder jetzt im „Trovatore“ im Schiller-Theater Netrebko und Domingo. Am Ende des Tages nimmt sich das nichts in der Handwerklichkeit des Berufes. Im Gegenteil, die sind meist viel professioneller und „pflegeleichter“. Die wissen auch, dass das Umfeld stimmen muss, wenn sie gut sein sollen.

Was ist schwieriger zu inszenieren: Heerscharen im Wüstensand oder eine Netrebko im Clownskostüm?

(lacht) Na, so konkret gefragt, ist Anna sehr viel einfacher. Sie ist nicht nur eine großartige Künstlerin, sie ist auch sehr offen für Experimente. Pferde im richtigen Moment in den Galopp zu bringen, ist schon ein anderes Kaliber.

Was bedeutet Ihnen die Weltpremiere in Berlin, hier im Zoo-Palast?

Das ist ein Traum. Das ist auch ein Traumkino. Ich habe hier einige Berlinalen durchgesessen und bin ganz stolz, hier jetzt einen eigenen Film vorstellen zu dürfen. Und ich finde, „Der Medicus“ gehört ganz klar hierher.