Adaption

Die Karawane des Lebens

Ein langes Requiem: David Grossmans Buch „Aus der Zeit fallen“ wurde jetzt im Deutschen Theater für die Bühne adaptiert

Das Schicksal hat ein Loch gerissen in das Netz der Zeit. Doch der Mann, der Zentaur, wie ihn alle nennen, kann nicht fliehen aus dem Kokon der Vergangenheit, in den er sich eingesponnen hat. Feine Fäden verbinden seine Schultern fest mit dem Schreibtisch, um ihn herum ein ganzes Fadennetz, in das sich Kinderspielzeug verhakt hat. Er muss hier drinnen bleiben, erst mal, um irgendwann vielleicht den Weg nach draußen zu finden. „Wenn ich es nicht schreibe, werde ich es nicht verstehen, und den, der ich jetzt bin, nachdem es passiert ist, werde ich auch nicht verstehen“, sagt er.

„Es“, das ist der Tod seines Kindes weit vor der Zeit. Auch der israelische Schriftsteller und Friedenspreisträger David Grossman hat geschrieben, nachdem sein jüngster Sohn Uri, gerade 20 Jahre alt, am 12. August 2006 in den letzten Tagen des Libanonkriegs bei einem Raketenangriff starb. „Aus der Zeit fallen“ ist vielstimmiges Requiem geworden, ein totenklagendes Prosagedicht in wörtlicher Rede. Regisseur Andreas Kriegenburg hat die Uraufführung dieses Textes jetzt als ungemein strapaziöse, aber durchaus poetische Wanderung entlang der Grenzlinie zwischen Leben, Tod und Trauer fürs Deutsche Theater inszeniert.

Der Zentaur am Schreibtisch ist nur eine der Stimmen, die an diesem Abend Gehör bekommen. Bei allen von ihnen hat die Zeit eine tragische Kapriole geschlagen, hat das Kind vor den Eltern sterben lassen. Ein alter Rechenlehrer ist noch dabei, eine zerlumpte Frau, die in ein Netz eingewickelt ist, die Hebamme und ihr Mann, ein Herzog, der seinem Schreiber, dem Chronisten, aufgetragen hat, durch die Stadt zu streifen und die Geschichten aufzuschreiben.

Er startet bei einem Ehepaar am Esstisch. Der Mann lässt die Suppe stehen, steht auf, sagt: „Ich muss gehen.“ Nach „dort“, will er, ins Zwischenreich, wo er hofft, seinen Sohn zu treffen. Von „dort“, sagt sie, sei noch nie jemand zurück gekommen. Es seien bislang eben immer nur die Toten „dort“ hingegangen, nie die Lebenden, antwortet er. Mehr als drei Stunden lang wird Matthias Neukirch jetzt im Kreis gehen, auf einer schmalen Sandspur am Rand der Drehbühne. Das Gehen und die Erschöpfung werden seiner Sprache den Rhythmus geben. Bevor die anderen sich anschließen und sich zu einer Karawane der Suchenden, der Sehnenden vereinen, werden sie im Bühnenbild von Olga Ventosa Quintana noch ordentlich durch die Zeit gewürfelt. In der Höhe des Halbrunds hängen gelblich flackernd die Ewigkeitslichter der Toten.

Die Lebenden unten schiebt die Drehbühne in großen mit schwarzer oder durchsichtiger Plastikfolie fest bespannten Quadern vorbei, jeden in seinem eigenen Erinnerungsraum. Fremde Hände fordern durch die Wände nach innen gestreckt Berührungen ein, immer wieder kippen diese Quader, bringen die Menschen zum Straucheln, zeigen ihr Geworfensein zwischen nachgiebigen Wänden im dämmrigen Licht. Der Boden ist übersät mit schwarzen Plastikstreifen, Trauerflore oder Aschereste einer vergangenen Katastrophe vielleicht. Andreas Kriegenburg entzieht diesen Menschen auf eigentümliche Weise jedes Leben, gibt dem Zuschauer keine Chance auf Empathie. Was durchaus schlüssig ist: Ihre unendliche Trauer macht sie ohnehin unempfänglich dafür, ihr Sein ist komplett umfangen vom Nicht-Mehr-Sein des verlorenen Kindes. Es gerät Kriegenburg zwar der Ton in seiner textgetreuen Umsetzung bisweilen allzu feierlich-erhaben, auch bei der raumgreifenden symbolschweren Bühnenästhetik wirkt der Bilderbogen zeitweise überspannt und dennoch: Wie er das Thema und die Figuren surreal und mythologisch entrückt, wie er nicht so sehr zur individuellen Anteil-, aber sehr zur Kenntnisnahme zwingt und so eine universelle Topographie der Trauer skizziert, das hallt später, wenn die Erschöpfung nachlässt, die dieser fast dreieinhalbstündige Abend fraglos auslöst, noch tief und lange nach.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Wieder am 18. 12, 19.30 Uhr.