Tanz

„Ich habe einen Traum begraben“

Sasha Waltz löst ihr festes Tanzensemble auf: Berlin hat der Choreografin mehr Geld verweigert

Ihr ist die schlaflose Nacht anzusehen. Mit gläsernen Augen sitzt Sasha Waltz auf den Bühnenstufen im Haus der Festspiele an der Schaperstraße und versucht, Haltung zu bewahren. Neben ihr steht eine große Flasche Wasser und ein Glas, aus dem sie ab und zu einen Schluck nimmt, wie eine Verdurstende. Das Foyer ist gut gefüllt, bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz geht es schließlich um etwas. Es geht eben nicht nur um die kleine Compagnie der Sasha Waltz, sondern auch um die Zukunft des Tanzes in Berlin. Sasha Waltz hat ihre lange Rede auswendig gelernt, es sprudelt aus ihr heraus, mal kämpferisch, mal träumerisch, mal resigniert. Sie ist eine Künstlerin, die in der Realität angekommen ist. „Ich begrabe einen Traum, an dem ich mein ganzes Leben gearbeitet habe“, sagt die 50-Jährige.

Der Entschluss fiel schwer

Am Tag zuvor hatte das Parlament den Doppelhaushalt beschlossen und nach letzter Diskussion der Compagnie von Sasha Waltz mehr Geld verweigert. Es folgt der Tag der Wahrheit: Sasha Waltz kündigt die Auflösung ihres festen Berliner Tanzensembles an. Der Entschluss dazu ist übrigens lange vorher gefallen, wie Sasha Waltz erklärt. Bereits im Mai mussten Sasha Waltz & Guests einen ausgeglichenen Wirtschaftsplan vorlegen. Damit war rein rechnerisch der Status Quo festgelegt. Vier Millionen Euro beträgt der durchschnittliche Jahresetat. Die mittelständische GmbH mit derzeit 35 fest angestellten Mitarbeitern bekommt 975.000 Euro aus einem eigenen Haushaltstitel und 875.000 Euro vom Hauptstadtkulturfonds. Den Rest muss sie irgendwie selber erwirtschaften.

Zuletzt ging es in den Haushaltsverhandlungen um einen Mehrbedarf von 500.000 Euro. Parlament und Senat haben Nein gesagt, und Sasha Waltz hatte für den Fall bereits lange vorher angekündigt, Leute entlassen zu müssen. In den letzten Monaten hatte sich die Choreografin aber überhaupt nicht mehr öffentlich geäußert. „Ich wollte nicht andauernd klagen“, sagt sie jetzt fast entschuldigend. Sie habe sich „wie in einer Achterbahn“ gefühlt und Schläge erhalten, die sie „nicht ohne Schmerz weggesteckt habe“. Aber über allem stand das „Bedürfnis, eine klare Entscheidung zu haben.“ Dennoch ist ihre eigene Entscheidung überraschend. Dass sie auf 22 Mitarbeiter verkleinern würde, war angekündigt, aber nicht, dass sie zuerst auf ihre 13 Tänzer verzichtet. Sie weiß selbst, dass sie damit „das Herz herausschneidet“. Die Auflösung der festen Compagnie begründet sie mit logistischen Erfordernissen. Für ihre zeitgenössischen Tanzproduktionen braucht sie ein verlässliches Team von Bühnentechnikern, Beleuchtern, Kostümbildnern. Mit Amateuren lässt sich kein internationaler Gastspielbetrieb organisieren.

So tanzen ab Januar ihre wichtigsten Akteure nur noch gegen Honorar. Und das von Projekt zu Projekt. Bei Orchestern spricht man in solchen Fällen von Telefonorchestern, deren Musiker von irgendeinem Möchtegern-Manager angerufen werden. Sasha Waltz kann ihre Marke nur aufrecht erhalten, wenn sie ihren Tänzern genug Aufträge vermittelt. Ansonsten zerfällt der ganze Laden früher oder später. Sie weiß um das Risiko: „Jeder Tänzer ist jetzt frei.“ Irgendwann fügt sie noch hinzu, dass „es wirklich einen Endpunkt markiert.“ Es ist das Ende einer Berliner Erfolgsgeschichte. Und das nach ziemlich genau 20 Jahren. Eigentlich feiert die Compagnie gerade ihr Jubiläum. Als Kind der Freien Szene hat Sasha Waltz 1993 begonnen und sich Stück für Stück nach oben gearbeitet.

Zeitweilig wirkte sie im Verbund mit Regisseur Thomas Ostermeier an der Schaubühne. Vor acht Jahren wagte sie wieder den Alleingang, über den Hauptstadtkulturfonds begann scheibchenweise die öffentliche Förderung. Künstlerisch hat sie ihr Modell der Choreografischen Oper entwickelt und ihre Compagnie im kostspieligeren Repertoire-Betrieb laufen lassen. Zwölf Stücke seien lebendig, sagt sie. Das alles ist künstlerisch anspruchsvoll und ehrenwert. Und wenn sie jetzt das vergehende Jahr Revue passieren lässt, dann war sie mit ihrer Compagnie in Mailand, Kalkutta, St. Petersburg, Paris, Brüssel, Lissabon und auch in Berlin. Stardirigent Daniel Barenboim hat ihr die höchsten Weihen gegeben. Bei der „Sacre“-Produktion im Schiller-Theater durfte nicht nur seine heilige Staatskapelle die Tänzer begleiten, nein, er selbst stand am Pult. Bei den Festtagen der Staatsoper wird sie im April an der Seite Barenboims den „Tannhäuser“ von Richard Wagner inszenieren. Und das Opernhaus kauft ihre Tänzer ein. Exklusiver geht nicht.

Offenbar haben Sasha Waltz & Guests aber nie den Stallgeruch der Freien Szene verloren. Was bedauerlich ist. Eigentlich stand die Choreografin kurz vor dem Durchbruch, die Tanzmutter der Nation zu werden. Quasi in Nachfolge von Pina Bausch, aber diesmal mit einer Vorzeige-Compagnie in Berlin. Man muss sich schon fragen, warum die Stadt das nicht will. Zumal es in diesem Verhandlungsmarathon, der sich bereits über Jahre hinzieht, jede Menge Befürworter und Liebhaber der Waltz-Kunst gibt. Jetzt sind diese Bekenntnisse zu Worthülsen verkommen. Möglicherweise fehlt letztlich doch der Glaube an die Choreografin, ihre Tänzer, ihr Modell. Im kulturkonservativen Berliner Milieu scheint Sasha Waltz nicht richtig angekommen zu sein.

Sasha Waltz bleibt in Berlin

Zumal sie an einem wunden Punkt der Kulturstadt rührt: der Förderung des zeitgenössischen Tanzes. Es ist erst ein Jahrzehnt her, seit die drei großen Ballettcompagnien ins Staatsballett fusionierten. Die Opernhäuser retteten sich selbst in eine mächtige Stiftung. Dem Zeitgenössischen Tanz dagegen werden finanzielle Brosamen hingestreut und die Szene wurschtelt vor sich hin. Sasha Waltz ist die bedeutendste Vertreterin, die öffentlich mehr Aufmerksamkeit und auch Präsenz an den Opernhäusern fordert. Die Zeit ist noch nicht reif dafür.

Der Kultursenat hat erwartungsgemäß reagiert. „Ich kann nachvollziehen, dass Sasha Waltz sich eine höhere Förderung als die vom Parlament beschlossenen insgesamt 1,8 Mio. Euro wünscht. Sasha Waltz ist ein international hoch angesehener Leuchtturm der Berliner Kultur“, ließ Kulturstaatssekretär André Schmitz mitteilen: „Auf der anderen Seite sind die finanziellen Spielräume angesichts der Gesamtverschuldung des Landes sehr begrenzt. Die Kulturverwaltung wird auch in Zukunft das Gespräch mit Sasha Waltz suchen und um konstruktive Lösungen für die anstehenden Herausforderungen bemüht sein.“

Irgendwann hatte Sasha Waltz sogar einmal angedroht, Berlin zu verlassen. Ihre Compagnie sei in der Stadt verwurzelt, sagt sie an diesem traurigen Freitag, das wolle sie nicht leichtfertig aufgeben. Aber „wenn es anderswo Bedingungen gibt, die ich brauche, um künstlerisch arbeiten zu können, werde ich es möglicherweise annehmen.“ Genau genommen wissen alle, dass ein solches Angebot nicht kommen wird.