Musik

Eine Stadt sucht ihren Song

Elf Lokalhymnen für Berlin an einem Abend: Jede Menge Elektroschrott, aber auch einige Perlen

Die Filmfirma 25films – sie hat schon den Bar-25-Film produziert – hat sich einen Wettbewerb ausgedacht. Für Musiker, die inzwischen in Berlin wohnen. Elf Bands wurden ausgewählt, die eine Lokalhymne auf Berlin schreiben. Idee ist, Berlin abzubilden, eine Art musikalisches Spiegelkabinett zu erschaffen, selbstreferenziell, selbstglorifizierend. Eine musikalische und kaufbare Visitenkarte sollte das werden. Irgendwas mit Berlin verkauft sich ja immer. Ab Freitag verkaufen sie die CD mit DVD, am Donnerstag im HO in der Holzmarktstraße werden sie vorgestellt.

Würde jetzt einer aufgrund dieser elf Songs, deren Videos auf der Leinwand laufen, wirklich glauben, dass Berlin so und nur so klingt, er würde rückwärts wieder aus der Stadt rennen, weil er glauben müsste, dass Berlin hängen geblieben ist. Eine Frau, die sich Pilocka Krach nennt, hat ein Stück geschrieben, das „Elektroschock in der Innenstadt“ heißt. Sie ruft ihre Songzeilen so raus, wie früher die Humpe bei Ideal, nur sind die Zeilen schlimmer als damals. „Ich trink’ nix mehr. Ich trink’ noch mehr. Ich feier’, bis ich kotze.“ Und im Video dazu rennt ein Mann durch Berlin und mit der Frau, die sich Pilocka Krach nennt, wirft der dann Essen auf den Boden.

Eine andere Band singt „Ich häng’ am Haken und seh’ gut aus“, während sich im Video einer die Schuhe bindet. Wieder eine heißt irgendwas mit „Crackhuren“ im Namen und besteht aus jungen Mädchen. Bis auf wenige Ausnahmen wird Berlin in diesen elf Songs als einfallslose Irgendwas-mit-Elektro-und-Krach-Stadt gezeigt, in der junge Leute trinken, Drogen nehmen und noch mehr trinken und mit Konfetti im Haar von einer Party ins Bett gehen.

Umso erhellender sind die wenigen Ausnahmen der Lokalhymnen, die aus dem stumpfen Party-Nihilismus hervorstechen. Der Amerikaner Blake Worrell hat mit „Goodbye Berlin“ eine wundervolle Off-Beat-Ballade auf Berlin im Stile Tom Waits aufgenommen. The Blood Arm, ursprünglich kommen sie aus Los Angeles, haben zu ihrem Song ein Video gedreht, das an „Perfect Vacation“ von Jim Jarmusch erinnert. Hört man „Remember“ von Kill Royal, alles wird so kalt berauscht und schwerelos. Rudolf Moser, er spielt sonst bei den Einstürzenden Neubauten, hat zusammen mit Annett Ecklebe ein fiebriges Meisterwerk auf Berlin geschaffen.

Am Ende kann man das Projekt „Lokalhymnen“ als Dokumentation verstehen. Als solche funktioniert es so sogar ziemlich gut. „Lokalhymnen“ schafft es tatsächlich, das musikalische Berlin so abzubilden, wie es ist. Überhört man in den Berliner Nächten den teilweise grausam schlagerhaften Elektroschrott, findet man mit etwas Glück tatsächlich wahre Schätze. Man muss nur genau hinhören.