Theater

Der falsche Pass wird von den Nazis eingezogen

Willy Brandt wird 100: Ein neues Theaterstück widmet sich seiner Zeit im Widerstand

Der nach Willy Brandt benannte Großflughafen ist, entgegen den ursprünglichen Planungen, noch nicht in Betrieb. Weil auf dem Areal in Schönefeld viele Gebäude leerstehen, und das ganze Projekt auch ein bisschen positive PR vertragen könnte, sollte dort ein Theaterstück über Willy Brandt Premiere haben, sagt Arnulf Rating. Das war der ursprüngliche Plan. Aber auch daraus wurde nichts, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schlug dann vor, in Tempelhof in der Abflughalle zu spielen. Ein attraktiver Ort, aber ein teurer: Ein fünfstelliger Mietbetrag wäre fällig geworden, pro Tag. Das aber sprenge den finanziellen Rahmen, erzählt der Kabarettist Rating, der gemeinsam mit dem Regisseur Johann Jakob Wuster das Theaterprojekt „Willy 100 – Im Zweifel für die Freiheit“ initiiert hat.

Und anders als der Flughafen ist die Inszenierung fristgerecht fertig geworden. Der 100. Geburtstag des ehemaligen Bundeskanzlers jährt sich am kommenden Mittwoch, das Stück hat morgen Premiere. Und zwar an einem Ort, der zentral liegt und doch ein bisschen unbekannt ist: Im Otto-Suhr-Saal des Neuen Stadthauses an der Parochialstraße 1-3. Einfacher gesagt: Gegenüber vom Podewil, der U-Bahnhof Klosterstraße liegt um die Ecke.

In dem Gebäude ist unter anderem das Standesamt des Bezirks Mitte untergebracht, direkt unter dem Saal, in dem früher auch mal die BVV tagte, liegt das Einbürgerungsamt. Dass die Theatermacher dort untergekommen sind, und auch proben konnten, haben sie keinem SPD-Mann, sondern Carsten Spallek, dem CDU-Baustadtrat des Bezirks Mitte, zu verdanken. Der fand das Projekt spannend und unterstützte es.

Inhaltlich geht es in dem Stück um einen Abschnitt im Leben von Willy Brandt, die vor dem Hintergrund seines späteren Wirkens als Regierender Bürgermeister von Berlin, als Außenminister und Bundeskanzler ein bisschen im Schatten liegt: Um die Zeit des Widerstands gegen die Nationalsozialisten. Im Oktober 1936, die Olympischen Spiele waren gerade vorbei, kam der damals 22-jährige Brandt für zwei Monate nach Berlin, getarnt als norwegischer Student Gunnar Gaasland, um den Widerstand gegen Hitler zu koordinieren. Als bei einer Polizeikontrolle der gefälschte Pass eingezogen wird, durchlebt er die bangsten Augenblicke seines jungen Lebens. Mit dieser Szene schickt Regisseur Wuster, der das Stück auch geschrieben hat, in die Pause.

Eigentlich bräuchte man die nicht, denn die Uraufführung dauert gerade mal eineinhalb Stunden. Wuster möchte das Publikum keineswegs überfordern, sondern, ganz klassisch, unterhalten und dabei zum Nachdenken anregen. Was bedeutet Zivilcourage? So ein Ansatz gilt ja in vermeintlich avantgardistischen Kreisen als verpönt, aber das stört Wuster überhaupt nicht. Für ihn steht der Zuschauer im Mittelpunkt. Schließlich sind 22 Vorstellungen geplant, knapp 200 Plätze hat der Otto-Suhr-Saal.

Sechs Schauspieler stemmen den Abend, lediglich Andre Blazejewski spielt als Willy Brandt nur eine einzige Rolle. Die Szenen wechseln schnell, es gibt Livemusik, die Räume werden mit wenigen Requisiten angedeutet.

Für die Premiere am Donnerstag hat sich der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel angekündigt, erzählt Wuster in einer Probenpause. Die Finanzierung dieses an keine Institution angebundenen Projekts war nicht einfach, zehn verschiedene Institutionen haben sich beteiligt, Kooperationspartner sind unter anderem die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, das Theater Strahl und das Theaterhaus Stuttgart, dort wird die Uraufführung nach dem Berliner Auftakt gezeigt.

Otto-Suhr-Saal Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, Mitte. Karten: 84108909.