Kunstsache

Der Mann aus dem ewigen Eis

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Ein alter Bekannter gab Emma und mir den Tipp, mal im Bethanien in Kreuzberg vorbeizuschauen, dort stelle der finnische Maler Kalervo Palsa erstmals in Deutschland aus. Nie etwas gehört von dem Finnen. Nun also ist er im Rahmen des Nordwind-Festivals, das den hohen Norden feiert, in Berlin. Die meisten Künstler, Musiker und Performer der Region sind weniger bekannt, und Elfenklänge gibt es weniger zu hören.

Eine ältere Japanerin eilt mit ihrer Geige, in einer Karstadt-Tüte vor Regen geschützt, in die Musikschule, im weitläufigen Bethanien-Komplex hat sie ihr Domizil. Fünf türkische Jugendliche lungern quatschend am Eingang, mag sein, dass sie gerade aus der „Back Jump“-Ausstellung im Flur kommen. Die Wände dort sind flächendeckend mit geisterartigen Wesen überzogen. Sie stammen von Dave the Chimp, Emma kennt auch die „Roboter“ und „Depressiven Affen“ des Briten, echte Geschmacksache.

Irgendwo sehen wir ein Schild mit dem Kostümfundus für freie Darsteller, endlich finden wir auch den Projektraum mit den Werken von Kalervo Palsa in den verwinkelten Gängen des Backsteingebäudes. Von Paula Venesma, die seine Förderin war, stammen die Leihgaben. Emma fragt sich, ob Palsa hier so mittendrin gut aufgehoben ist zwischen all den urbanen Interventionen und verschiedenen Leuten.

Vielleicht doch, schließlich war Palsa alles andere als ein Künstler für ein strenges, museales Format. Seine Biografie ist so kurz wie traurig. Palsa wurde 1947 geboren, Lappland war und blieb seine Heimat, gestorben ist er jung mit 40 Jahren. Der Mann muss verdammt ärmlich gelebt haben in Kittilä, eine Kleinstadt in Lappland. Seine dürftige Holzhütte, ganze 15 Quadratmeter, kann man sich im Internet anschauen. Emma fragt sich, ob man dort wirklich vorbei schauen muss, viel ist nicht zu sehen, nur die kargen Requisiten eines Lebens in Einsamkeit. Ein Stockbett, ein paar Stühle, dafür riesige Wandzeichnungen mit glotzenden Gesichtern à la Edward Munch, dass einem Angst und Bange wird. Geld war wohl nie da, mit Öllampe und Kerzen schlug er sich durch die langen, dunklen Tage und die langen, noch kälteren nordischen Nächte. Wenn er ganz klamm war, ersetzte er weiße Farbe durch Zahnpasta. Angeblich hatte er den Strick gleich neben seinem Schreibtisch. Studiert hat er nur eine Stunde, dann war es ihm zu eng in der Akademie in Helsinki.

Um es gleich zu sagen, Palsa konnte malen und zeichnen, expressionistisch wie van Gogh im Absinth-Rausch, dann wieder comicartig in der Verkleinerung oder surreal wie Dalí nach dem Entzug. Sein Werk trifft wie ein Hammer ins Gesicht, es ist ein einziges Psychogramm. Man könnte jedes Blatt und jedes Ölgemälde sofort auf die Couch eines Therapeuten legen, der hätte jeder Menge zu analysieren. Palsa kreist manisch und ziemlich drastisch nur um ein Thema, das eigene Ich, um Einsamkeit, Gewaltorgien, Tod und Sexualität.

Der Norden, das Eis, die extreme Kälte spielen auch eine wichtige Rolle, ein Heizkörper schwebt durch die Landschaft. Wenn man keine Kohle hat, werden Wärmespender zum magischen Objekt. Und die bunten Eisläufer mit den kecken Mützen, die sich da wie im Wirbel im Kreise drehen, sind in Wahrheit bedrohliche Skeletttänzer.

Viele Kreuze, viele dunkle schwarze Männer mit schwarzen Hüten, jede Menge Flaschen. Den Mythos vom einsamen Künstler hat Kalervo Palsa jedenfalls auf tragische Weise erfüllt. (Kunstquartier Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg. Täglich 12-20 Uhr)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien