Europäischer Filmpreis

Europas Kino hat eine Königin

„La Grande Bellezza“ siegt beim Europäischen Filmpreis – Für „Oh Boy“ gibt es nur einen Trostpreis

Gleich bei der zweiten Kategorie durfte der Berliner Jan Ole Gerster aufs Treppchen. Bei der Verleihung des 26. Europäischen Filmpreises im Haus der Berliner Festspiele wurde sein wunderbarer Berlin-Film „Oh Boy“ als bester Erstling ausgezeichnet. „Heute Abend vor Ihnen zu stehen, dem Herz und der Seele des Europäischen Kinos, bedeutet die Welt für mich“, sagte der 35-Jährige sichtlich gerührt. Die Entstehung seines Debütfilms war ein langer, dorniger Weg gewesen, dann aber begann ein wahrer Preisregen, der schließlich beim Deutschen Filmpreis in sechs Lolas gipfelte.

Tom Schilling darf sitzen bleiben

Auch jetzt, beim Europäischen Filmpreis, war „Oh Boy“ vier Mal nominiert und damit einer der Favoriten des Abends. Aber es blieb am Ende bei dieser einen Auszeichnung. Der Publikumspreis ging nach Portugal (siehe Infokasten), auch Tom Schilling, nominiert als bester Schauspieler, durfte sitzen bleiben. Und bei der letzten, der Hauptkategorie, kam „Oh Boy“ ebenfalls nicht zum Zuge.

„Europäische Entdeckung“ des Jahres: immerhin. Aber das wirkte wie ein Trostpreis. Und es blieb auch die einzige Auszeichnung für das deutsche Kino. Nominiert war noch Barbara Sukowa (die nicht aus New York angereist war) für ihre Titelrolle in „Hannah Arendt“, doch beste Schauspielerin wurde die bezaubernde Belgierin Veerle Baetens, die auf der vergangenen Berlinale alle gerührt hat in „The Broken Cirlce“ als Mutter, die über den Krebstod ihres kleinen Kindes nicht hinwegkommt. „Broken Circle“ war mit sechs Nominierungen überhaupt der große Favorit des Abends,. Aber auch er kam über eine Trophäe nicht hinaus.

Der Abräumer des Abends war schließlich ein Italiener: Regisseur Paolo Sorrentino für „La Grande Bellezza“. Seine sehr Fellini-artige Hommage auf einen alten Lebemann gewann in den Kategorien Schnitt, Schauspieler (Toni Servillo), Regie und schließlich auch Bester Film. Mehr Dankeschöns als Sorrentino sollte keiner hören. Doch der Meister war gar nicht anwesend, er soll noch verschnupft sein, weil er beim letzten Film „Il divo“ nur eine von fünf Trophäen gewonnen hatte (die ging auch damals an Toni Servillo). Wie so oft beim Europäischen Filmpreis glänzt der Sieger durch Abwesenheit. Was schon ein wenig schade ist. Wenn es um die Oscars geht, sind die Europäer, so sie nominiert sind, immer da. Geht es aber um den Oscar Europas, sieht es nicht so gut aus mit der Präsenz. Auch Jude Law, Keira Knightley und Naomi Watts waren nicht gekommen.

Erstmals wurde in diesem Jahr auch die Beste Europäische Komödie gekürt. Komödien können sich bei Preisen gegen ernsthafte Dramen selten durchsetzen, insofern ist das wohl eine richtige Entscheidung, wie das ja auch beim Golden Globe seit jeher Brauch ist. Der Preis ging an Susanne Biers „Love Is All You Need“. Glücklicherweise. Denn auch Pedro Almodovars Flugbegleiterklamotte „Fliegende Liebende“ war nominiert. Almodovar bekam aber schon einen Preis für seinen Beitrag zum Weltkino; es hätte ein Geschmäckle gehabt, wäre er für dieses für seine Verhältnisse recht leichte Werk auch noch ausgezeichnet worden.

Ebenfalls neu in diesem Jahr: Über einige Preise wurde bereits vorab entschieden. Dass etwa Ennio Morricone als bester Komponist geehrt würde, wusste man also schon vorher. Das erhöht den Thrill des Abends allerdings nicht. Und warum die 2900 Mitglieder der Europäischen Filmakademie (EFA) über die wichtigen Preise entscheiden, eine nur siebenköpfige Jury aber über die Nebensparten, mag man auch nicht recht verstehen. Traut man da seiner eigenen Akademie nicht?

Madame Deneuve überstrahlt alles

Aber alles war vergessen, als Catherine Deneuve den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk entgegennahm. Wim Wenders, der EFA-Präsident, setzte zu einer langen, großen Lobrede auf die französische Diva an. Nannte sie eine der herausragendsten Schauspielerinnen, „die Queen des europäischen Kinos, wenn es eine Monarchie hätte“ und schlicht „die schönste Frau der Welt“. Die Deneuve, gerade 70 geworden, rang mit den Tränen, als sie auf die Bühne kam. Sie wollte eigentlich gar keine Rede halten, hub dann aber doch zu einer längeren Ansprache an, die schließlich zu dem Bekenntnis führte: „Ich dachte, ich sei eine französische Schauspielerin. Jetzt fühle ich mich europäischer denn je.“ Das hört man sicher gern bei der Filmakademie. Zumal noch immer nicht alle so denken.

TV-Aufzeichnung Arte, heute, 23.05 Uhr