Fernsehen

Hereinspaziert, hereinspaziert in den Zirkus der Eitelkeiten

„Tatort“: Der Tumor ist weg, der fiebrige Zauber leider auch

Der Kommissar steht im Halbdunkel eines Hotelzimmers. Im Fernseher vor ihm fängt der „Tatort“ an. Er steht da im Unterhemd, der Kommissar, und er trägt es mit Würde, er ist schließlich Ulrich Tukur. Er ist geradezu euphorisch, der Kommissar, weil sie ihn als geheilt entlassen haben. Sie haben ihm den Tumor, den er Lilly nannte, herausgeschält. „Ab, zurück ins Leben“, ruft er am Telefon der Wächter zu.

Da aber, im Leben, war Felix Murot, Kriminalhauptkommissar am LKA in Wiesbaden, solange wir ihn kennen, nie gewesen. Murot existierte in einem Zwischenreich, in dem sämtliche Regeln des deutschen Kriminalfilmwesens nicht die Bohne wert waren. Denn Murot hatte Lilly, die uns unter allen Kommissarsbegleitungen die liebste war. Lilly war eine bösartige, herrliche Geschwulst. Murot redete mit ihr, tanzte mit ihr. Lilly, der tolle Tumor, war dafür verantwortlich, dass die beiden bisherigen Tukurschen „Tatorte“ so irre sein durften, wie sie waren – lichte, finstere Fieberfantasien. Aber um und in Tukur kann es halt auf Dauer bloß einen geben. Also musste Lilly den Tod durch zerebrale Totaloperation erleiden. Und das hat Folgen für den doppeldeutig „Schwindelfrei“ betitelten dritten Fall Murots, den ihm Tukurs Schauspielkollege Justus von Dohnanyi, der auch Regie führte, auf Körper und Seele geschrieben hat.

Murot also, Meister des süffisanten Mundwinkelverziehens, steht im Unterhemd und in Fulda im Hotelzimmer. Zur Feier seiner Genesung lädt er Kollegin Wächter (Barbara Philipp) in den Zirkus ein. „Raxxon“ heißt er. Eine kleine, liebreizende Klitsche. Ein paar malerische Wagen, ein kleines Zelt. Es gibt Messerwerfer, Gedankenleser, Schlangenmenschen, Seiltänzer, einen Zirkusdirektor der Vollfettstufe, viele, vor allem balkanische Nationalitäten, ein großes Geheimnis. Mehr Varieté als Zirkus. Perfekt für Tukur.

Dieser Zirkus nun ersetzt Lilly in „Schwindelfrei“ nahezu komplett als Realitätsverhinderungsunternehmen. Er ist – wie jeder Zirkus – eine Nebenwelt. Und deswegen bleibt Murot auf dem Weg zurück ins Leben gleich im nächsten Zwischenreich hängen, einer Art fellinesk gefilmten, trickreichen Vorhölle der Realität. Aus der, speziell aus der Wirklichkeit des Kosovo-Kriegs, wurden vor Jahren ein paar finstere Gestalten ins „Raxxon“ geweht, dieses Märchenland der Tricks und Nummern, Netze und doppelten Böden. Jetzt steht auf einmal eine Frau im Publikum auf, schreit, fuchtelt, bedroht einen Mann in der Manege, ruft was von „Pascha“. Keine zehn Filmsekunden später ist sie tot. Sie bleibt nicht die einzige Leiche.

Murot mischt sich als Ersatz für den Pianisten, der sich praktischerweise gleich die Hand bricht, undercover unter die Zirkusmusikertruppe, die keine andere ist, als Tukurs eigene Combo, die „Rhythm Boys“. Es wird in Sägemehl und schönen Farben und in Zirkusgeschichten geschwelgt. Die Menschen sind Gespenster. Niemand will sich erinnern, alles sieht grünstichig aus und als wäre es mindestens fünfzig Jahre alt. Was „Schwindelfrei“ eine feine, schräge Atmosphäre gibt. Lilly vermisst man trotzdem. Tukur und Philipp verwandeln sich nämlich ganz allmählich in ein ganz alltägliches „Tatort“-Duo. Und Tukur nutzt die Bühne, die ihm der „Tatort“ bietet, als das, zu dem der „Tatort“ insgesamt verkommt, wenn die Verantwortlichen nicht aufpassen: als Manege der Eitelkeiten ihrer Stars.

Wenn wir uns also was wünschen dürften für Murots Zukunft, dann, dass er als Spätfolge der Lilly-Entfernung vergisst, dass er mal Klavierspielen konnte. Nicht, weil wir Tukur nicht gern zuhören, sondern weil wir das Schicksal seines Hamburger „Tatort“-Kollegen Paul Stoever vor Ohr haben. Stoever musste auch immer Musik machen, weil Manfred Krug, der ihn spielte, es eben konnte. Was irgendwann so peinlich wurde, dass man ihm Brauers Mundharmonika an die Stirn werfen mochte. So etwas wollen wir Murot ersparen. Dessen Kopf ist lädiert genug.

ARD, heute, 20.15 Uhr