Interview

„Erfolg? Das ist uninteressant!“

Wie man Tradition respektieren und doch ausbeuten kann: Ein Gespräch mit den Regisseursbrüdern Joel und Ethan Coen

Einer erschossen, einer lebendig begraben: Den Hauptfiguren von „Blood Simple“, dem ersten Film der Brüder Coen, erging es schlecht. „Barton Fink“, ihr Hollywood-Autor, wird auf ewig Drehbücher für den Papierkorb schreiben. Der Autoverkäufer, der in „Fargo“ einen Mörder anheuert, wird verhaftet und sein Killer geschreddert. Alle großen Pläne, die in Coen-Filmen geschmiedet werden, gehen schief – und auch dem hoffnungsvollen Sänger in „Inside Llewyn Davis“, dem 16. Coen-Film, ist kein Erfolg beschieden. Warum eigentlich tun sie ihren Helden das an? Mit den Brüdern sprach Hanns-Georg Rodek.

Berliner Morgenpost:

Sie sind seit vielen Jahren von Charakteren besessen, die auf der Verliererseite stehen …

Ethan Coen:

Na ja, Verlierer scheinen uns einfach vielversprechendes Material für Geschichten zu sein.

Joel Coen:

Erfolg ist eigentlich ziemlich uninteressant.

Ethan Coen:

Deshalb wäre es für uns auch nicht infrage gekommen, eine Bob-Dylan-Figur ins Zentrum unseres Films zu stellen. Aber wir haben uns gedacht, eine Geschichte über einen, der nie Bob Dylan werden wird …

Joel Coen:

… die schien uns interessant.

Ethan Coen:

Warum das so ist, kann ich gar nicht sagen.

Joel Coen:

Filme über Erfolgreiche sind fast nie interessant. Ein Film über einen Versager, der auch noch untalentiert ist, wäre auch uninteressant. Zu interessieren beginnt mich eine Figur, die nie den Durchbruch schafft, aber in ihrem Metier sehr gut ist.

Ethan Coen:

Unser Llewyn Davis mag kein Genie wie Dylan sein, aber er ist ein guter Musiker.

Und besitzt eine bessere Gesangsstimme als Dylan.

Joel Coe:

Das kann man wohl sagen. Wir haben unser Drehbuch einigen Leuten zum Lesen geben, und einige waren verwirrt, weil im Skript einfach stand „Er singt ein Lied“, und dann kam die nächste Szene. Sie wollten dann immer wissen, ob er ein guter Sänger sei. Und wir antworteten, dass er schon gut sei…

Ethan Coen:

…dass er einiges Talent besitze, aber nie den Durchbruch schaffe.

Sie gehen mit Musik so ganz anders um als alle anderen, von Filmen bis zu Radiosendern. Sie zollen diesen Songs Respekt, indem Sie sie von der ersten Note bis zur letzten ausspielen. Großartig!

Joel Coen:

Wir haben diese Art von Musik immer gemocht, deshalb zollen wir ihr Respekt. Sie ist Teil eines großen Stromes amerikanischer Musik, in dem wir mitgeschwommen sind, seit wir kleine Kinder waren. Wir haben mit dem Rock ’n’ Roll begonnen, aber der wuchs auch aus dem Folk-Revival, und das wiederum wuchs aus der Musik, der wir „O Brother, Where Art Thou?“ gewidmet haben. Die Entscheidung, die Titel ganz zu spielen, fiel aus Respekt, aber auch aus einer Neugier heraus, was das für den Film bedeuten würde.

Auch die alten Hollywood-Musicals haben ihre Musiknummern komplett vorgetragen.

Joel Coen:

Das stimmt, aber dort wurden sie in der Regel nicht als simple Performance auf einer Bühne vorgetragen. Deshalb gewöhnen wir unser Filmpublikum auch sofort daran, es ist das Erste, was man in „Llewyn Davis“ sieht. Zuschauer sind sehr aufnahmebereit, was die erste Szene angeht, da lassen sie dir beinahe alles durchgehen.

Ethan Coen:

Es stimmt, was Sie über die Musikverwendung sagen, aber die Ironie dabei ist, dass Llewyn für die meiste Musik, die in seinem Umfeld gespielt wird, eher Geringschätzung übrig hat.

Dies ist nach „Barton Fink“ Ihr zweiter Film über den Prozess der Kreativität – und Ihr zweiter Film, der den Namen seines Helden im Titel trägt …

Joel Coen:

Ja, stimmt eigentlich. Jemand anderes hat uns auf eine weitere Parallele aufmerksam gemacht: Immer wenn wir einen Film über einen Künstler machen, hetzen wir John Goodman auf ihn! Da scheint etwas tief Freudianisches drinzustecken, etwas Angstmachendes! Freue dich nicht deines Künstlertums, denn hier kommt John Goodman!

Wie geht es dem Independent-Film, mit dessen Aufstieg auch Sie groß geworden sind?

Ethan Coen:

Wir schauen uns manchmal an und sagen: Wir haben Glück gehabt und sind auf der Independent-Welle gesurft – aber die fetten Jahre scheinen vorbei zu sein. Damit sind wir wieder beim Erfolg: Du brauchst auch Glück.

Haben Sie je daran gedacht, den Soderbergh zu machen?

Joel Coen:

Uns aufs Altenteil zurückzuziehen? Wir haben schon oft daran gedacht. Anfangs wollten wir zehn Filme machen und dann aufhören. Irgendwann haben wir unser Ziel auf 20 erhöht. Da sind wir noch nicht ganz angekommen.