Klassik-Kritik

Igor Levit: Wagemut und Tiefgang

Der Pianist debütiert im Kammermusiksaal

Wie gut ist Igor Levit wirklich? Lobeshymnen eilen ihm voraus, vielerorts wird er bereits zum „Jahrhundertpianisten“ gekürt. Sie scheinen den Deutsch-Russen, Jahrgang 1987, glücklicherweise nicht weiter zu belasten. Sein Philharmonie-Debüt im Kammermusiksaal zeugt von Wagemut und Tiefgang, von Demut und Egozentrik. Tatsächlich ist Levit ein Frühvollendeter, eine genialische Persönlichkeit voller Widersprüche: Philosoph und Schamane zugleich, tüchtig zupackender Handwerker und meditierender Mönch, präziser Architekt und sensibler Nachtträumer. Bevor er dem Steinway die ersten Töne entlockt, hält er inne. Seine Finger streichen zärtlich stumm über die Tasten. Sie feiern eine Art Sensibilisierungsritual, das Wunder wirken soll. Beim Klavierspielen buckelt sich Levit tief in die Tastatur. Er beäugt seine krabbelnden Finger wie ein Insektenforscher. Wilde Grimassen brennen zuweilen aus seinem Gesicht: Wut, Leid, Verdruss, Schmerz. Nicht immer passend zum musikalischen Geschehen, aber auch nicht ablenkend. Muffat, Beethoven, Rzewski, Wagner, Liszt, Schubert – die Programmauswahl betont die Vielseitigkeit des Pianisten. Und birgt mit Georg Muffats g-Moll-Passacaglia gleich zu Beginn eine kostbare Barockperle. Levits klar strukturierter, romantisch gefärbter Klang erinnert hier an Grigory Sokolov. In Beethovens E-Dur-Sonate op. 109 setzt der Pianist auf fantastische Wucherungen. Es ist ein später Beethoven voller überraschender Details und Wendungen, beseelt von souveränem epischem Atem.

Levit hat viel zu bieten, er verlangt aber auch viel vom Publikum. In der zweiten Hälfte des Konzerts stellt er die Zuhörer mit Richard Wagner auf die Schlafprobe. Den „Feierlichen Marsch zum Heiligen Gral“ aus der Oper „Parsifal“ dehnt Levit bis in die Unendlichkeit. So manche Augenlider werden schwer und schwerer. Liszts 30-minütige Fantasie und Fuge für Orgel über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ dringt danach wie ein heftiger Drogenrausch aus dem Steinway. Ein XXL-Liszt, nur für geborene Virtuosen, Klangmagier und Überzeugungstäter. Levit ist dafür genau der Richtige. Selbst die einfachsten Akkordfolgen wachsen unter seinen Händen zu großer Kunst empor.