Kino

Männer sind so verletzlich

Außen hart und innen ganz weich: Josh Brolin spielt in „Oldboy“ einen rachedurstigen Macho. Und doch muss man ihn irgendwie mögen

Es ist offensichtlich nicht das erste Mal, dass Joe Doucett nach einer alkoholgeschwängerten Nacht verkatert in einem schäbigen Hotelzimmer aufwacht, ohne zu wissen, wie und mit wem er dahin gekommen ist. Doch warum ist die Tür verschlossen und warum erfolgt der ausgesprochen minderwertige Room-Service durch eine kleine Bodenluke? Einziges Fenster zur Welt ist ein Fernseher, aus dem Joe erfährt, dass er als Mörder seiner Frau gesucht wird und seine kleine Tochter bei Pflegeeltern aufwächst. 20 Jahre lang wird diese Zelle sein Gefängnis sein, in dem er sich den Kopf darüber zermartert, an welchem Punkt in seinem Leben er sich welchen Menschen derartig zum Feind gemacht hat, dass er für seinen perfiden Racheplan keinerlei Kosten und Mühen scheut. Die Liste möglicher Feinde ist lang, denn Joe ist ein unangenehmer Zeitgenosse, ein verkommener Säufer und frauenverachtender Schürzenjäger, der auf offener Straße uriniert und kotzt und en passant sogar noch die Frau eines wichtigen Klienten anbaggert.

So ähnlich war das schon mal zu sehen, vor zehn Jahren in Park Chan Wooks Verfilmung eines japanischen Manga. Nun hat sich Spike Lee entschlossen, sich den Fall noch einmal mit seinen Augen anzuschauen. So wächst in Joe in den Jahren der Isolationshaft eine so unbändige Wut heran, dass er beschließt, seine verlotterte Existenz wieder in den Griff zu bekommen.

Indizien der Vergangenheit

Eines Tages wacht er dann nach dem Betäubungsnebel in einem Koffer mitten auf einer grünen Wiese auf, und macht sich auf die Suche nach seinen Peinigern. Er folgt dem Geruch der verhassten Teigtaschen und spürt kleinen Indizien in der eigenen Vergangenheit nach, zurück zu jenem Moment, in dem er sein Schicksal durch einen kleinen Fehler besiegelt hat. Unterstützt wird er dabei von einer jungen Sozialarbeiterin (Elizabeth Olsen aus „Martha Marcy May Marlene“), vor der er aus Mangel an Licht und Vitaminen zusammenbricht und von seinem alten Kumpel, dem Barbesitzer Chucky (Michael Imperioli aus den Sopranos). Sie navigieren ihn durch eine für ihn fremde Welt, mit ihren neuen technischen Möglichkeiten.

Die uramerikanische Wut eines Mannes, der rot sieht, weil ihm seine Familie entrissen wurde, ist in Lees „Oldboy“ mit einer asiatischen Form von disziplinierter Askese versetzt, westlicher Rachefuror mit östlichen Racheritualen. Auch wenn das Motiv der Rache in den Nachwehen von 9/11 einen besonderen Nerv der amerikanischen Psyche trifft, wirkt diese extrem aufwendig angelegte Version in New York weniger plausibel als im koreanischen Busan. Angesichts einer Fülle von Filmen wie „Gravity“, „Captain Philipps“, „All is Lost“ und „Oldboy“, deren Helden allesamt im Raum oder zu Wasser in Isolationshaft genommen werden, könnte man sich auch fragen, was sich daraus für den Zustand der modernen Welt ableiten lässt. Auch Mark Protosevich hat schon in seinen Drehbüchern von „I am Legend“ und „The Cell“ extreme Formen von Überlebensdisziplin durchgespielt. Eigenen Aussagen zufolge hat er sich bei seiner Adaption von „Oldboy“ weniger an den koreanischen Film gehalten, als an dessen japanische Manga-Vorlage. Während er das Skelett der Handlung weitgehend übernommen hat, füllt er es hier und da mit neuem Fleisch. Eine wesentliche Änderung ist, dass der Amerikaner nicht ausschließlich von der negativen Motivation der Rache gesteuert ist, sondern auch durch eine positive Motivation der Fürsorge für seine verlorene Tochter. Im Kellerloch wurde also nicht nur ein Monster geboren, das nach Rache sinnt, sondern auch ein liebender Vater, der seine Tochter sucht, wodurch wiederum das Ende eine ganz andere Wucht entwickelt, die durch die aktuellen Inzest- und Missbrauchsfälle zusätzlich befeuert wird.

Womöglich unter dem Einfluss seiner dokumentarischen Arbeiten über den Hurrikan Katrina ist Lees Film im Vergleich zu Park Chan Wooks Vorlage realistischer, weniger künstlich übersteuert. Lee verzichtet auf die drastischsten Ekelszenen des Originals, wie das brachiale Ziehen von Zähnen, das Verspeisen eines lebenden Tintenfisches (dem ein augenzwinkernder Cameoauftritt im Aquarium eingeräumt wird) oder das Abschneiden der eigenen Zunge, erfindet dafür aber auch neue Horrorbilder: So perforiert Joe den Hals seines Kerkermeisters (archaisch gespielt von Samuel L. Jackson mit gelbem Irokesenschnitt) wie ein Abreißpapier.

Die größte Attraktion des Remakes aber ist die Besetzung mit Josh Brolin, der hier eine grandiose Serie beeindruckender Rollen bei Quentin Tarantino, den Coen Brothers, Woody Allen, Paul Haggis, Oliver Stone und Ridley Scott abrundet. Mit seinem raubeinigem Machismo erinnert er an Old-School-Mannsbilder wie Charles Bronson, James Garner oder Lee Marvin. Zugleich zeigt er unter der rauen Schale eine Verletzlichkeit, die den Zuschauer allen Widerständen zum Trotz doch bald mit ihm sympathisieren und bangen lässt.

Für die Kenner des Originals ist der Überraschungseffekt dieser perfiden Konstruktion natürlich verloren. Doch ähnlich wie Martin Scorsese in „Departed“, seiner amerikanischen Variation des Hongkong Thrillers „Internal Affairs“, gelingt es auch Spike Lee seiner Variation eines asiatischen Klassikers neue Facetten abzuringen.