Klassik-Kritik

Janine Jansen: Zähmung einer Ungestümen

Schön anzusehen, aber etwas mutlos in der Philharmonie

Aufgepasst, hier naht der Star: Im offensivroten Galakleid, mit wehendem Langhaar, mit elegant schaukelnden hohen Schultern. Geigerin Janine Jansen schenkt den Zuschauern ihr allerliebstes Mädchenlächeln in der Philharmonie. Und dann ein reines Bach-Programm, das auch auf ihrer aktuellen CD zu finden ist. Langjährige Musikerfreunde umringen die attraktive Niederländerin stehend, ein Teil der Jansen-Familie ist sitzend auch dabei – Vater Jan am Cembalo, Bruder Maarten am Cello. Es wird ein Bach in trauter Gemeinschaft, ein Bach zum Entspannen, zum Dahinträumen.

Ebenmäßig und bequem

Janine Jansen sinkt auf dem Barocksofa nieder, rekelt sich schlank und dezent. Sie flüstert in sich hinein, lässt sanfte Kantilenen fließen. So zahm kennt man die Jansen nur, wenn sie Barock spielt. Sie vergräbt dann ihr feuriges Temperament, als wäre es nie da gewesen. Sie verbannt den spektakulären Wildfang, der im romantischen Repertoire so abenteuerlich aus ihr hervorbricht. Schade, denn gerade in ihrer ungestümen Intuition liegt Jansens größte musikalische Stärke.

Etwas mehr rhetorische Schärfe, etwas mutigere Tempi, etwas mehr Wettstreit hätte Bachs a-Moll-Konzert BWV zu Beginn gut getan. Ebenmäßig und bequem gleitet auch das folgende Oboenkonzert BWV 1055 dahin. Solist Ramón Ortega Quero verbreitet im tieftraurigen Larghetto viel Schönheit, aber wenig Schmerz. Erst im d-Moll-Doppelkonzert BWV 1043 wird es mit Boris Brovtsyn expressiver. Der Konzertmeister steht Janine Jansen kurzfristig als Duopartner zu Verfügung. Er übernimmt den männlichen Part eines musikalischen Liebespaares, das sich in den Außensätzen ausführlich neckt und liebt. Dicht umschlungen singen sie die Adagio-Melodie des Mittelsatzes, die recht frappierend nach Händels Opernhit „Ombra mai fu“ klingt.

Janine Jansen überragt ihren Partner um eine gute Kopflänge, die schwindelhohen Absätze ihrer Abendschuhe sorgen für zusätzliche Zentimeter. Dem zierlichen Oboisten Ramón Ortega Quero bleibt ebenfalls nichts anderes übrig als zu Janine Jansen aufzuschauen. Im Konzert BWV 1060 spielen sie Seite an Seite wie große Schwester und kleiner Bruder, artig und recht gediegen.

In der Zugabe, Bachs „Erbarme dich“, üben sich beide weiterhin in wohldosierter geschwisterlicher Eintracht. Doch ganz ehrlich: Diese Schmerzensarie, so gleichförmig und verzweiflungsfrei dargeboten, hinterlässt nicht gerade tiefe Eindrücke. Man kann Janine Jansen dafür hinterher allerdings nicht wirklich böse sein – ihr süßes Lächeln im Applaus entwaffnet und entschädigt dann zugleich.