Theater

Spielfigur auf dem Schachbrett: Jelineks „Idealer Mann“

Ist es im Sinn der Allgemeinheit, frühere Fehler einer bedeutenden Persönlichkeit zu ahnden oder gilt es, sie zu verzeihen?

Ist das Pochen auf Moral und Anstand heuchlerisch, oder sind moralische Standards nötig, damit ein Gemeinwesen funktioniert? Fragen, die aktuell der Prozess von Ex-Bundespräsident Wulff aufwirft – und die sich der Literat und Dandy Oscar Wilde in seinem Theatertext „The Ideal Husband” vor mehr als hundert Jahren schon einmal stellte. In einer Fassung der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek platzierte das Renaissance-Theater „Der ideale Mann“ jetzt quasi prozessbegleitend in seinem Spielplan.

Sir Robert Chiltern (Heikko Deutschmann), Staatssekretär im Auswärtigen Amt, hat bislang eine blütenreine Weste, worauf seine Gattin (Anke Fiedler) streng achtet. Vermögen hat er ebenfalls, und so ist sein Aufstieg programmiert – bis in seinem Salon die elegante, eiskalte Mrs. Cheveley (Anika Mauer) auftaucht. Ihr ist ein kompromittierender Brief aus Chilterns Vergangenheit in die Hände gefallen: Der begründete sein Vermögen und seine politische Karriere mit dem Verkauf von Kabinettsgeheimnissen, riet als junger Sekretär einem Börsenspekulanten vorab zum Kauf von Suez-Kanal-Aktien. Nun soll er mit einer Rede im Parlament ein zweifelhaftes Investitionsprojekt von Mrs. Cheveley fördern, den „Hyper-Euro-Alpenkanal”, sonst wird sie den Brief veröffentlichen.

Eben noch weltmännisch-überlegener Sympathieträger, verliert Deutschmanns alerter Chiltern die Fassung: Auf dem wie ein Schachbrett gemusterten Boden seines eigenen Hauses ist er zur Spielfigur geworden. Seine politische Karriere wäre beendet, würde sein Betrug publik, ebenso wie seine Ehe. Nach etlichen Verwirrungen – hier ein Brief, dort eine Verwechslung, da ein glücklicher Zufall – ist der Absturz mit vereinten Kräften abgewehrt. Aber wie ist das nun mit der Rechenschaft, immerhin geht’s um Korruption? Fragwürdiges wird hier einfach unter den edlen Teppich gekehrt, und das liegt an Autor, Bearbeiterin, Regisseur und Schauspielern gleichermaßen. Wilde verstand seine hintergründige Komödie kritisch, überlässt die Interpretation jedoch dem Leser. Auch Elfriede Jelinek erhebt keinen Einspruch, obwohl sie die ersten Akte noch üppig mit Sprachspielereien garnierte und ihre Systemkritik sonst sehr gerne ausbuchstabiert. Und Regisseur Torsten Fischer beschränkt sich weitgehend auf das Anordnen seiner Darsteller, deren Großteil die Untiefen des Textes mit einer geläufigen Boulevardspielweise übergeht, ohne eine Haltung zu entwickeln. So ist das Ergebnis: Theatersoße.

Renaissance-Theater Knesbeckstr.100, Charlottenburg. Nächste Termine: 27., 29. und 30.11., 20 Uhr