Kinofilm

Drei Enthauptungen und zwei Frauen

Literaturstar Cormac McCarthy schrieb „The Counselor“. Doch den Film können selbst fünf Weltstars nicht mehr retten

Geht es nach Anton Tschechow, den jeder Kursleiter „Kreatives Schreiben“ als Autorität für seinen Unterricht vereinnahmt, muss eine Pistole, die zu Beginn des Stücks in einer Schublade liegt, im späteren Verlauf auch abgefeuert werden. Nun erklärt im ersten Akt von „The Counselor“ Javier Bardem einem Gesprächspartner, was ein „Bolito“ ist, nämlich eine Schlinge aus Stahldraht, die man um den Hals eines Unglücklichen legt, und die von einem kleinen, starken Motor dann unerbittlich zugezogen wird – bis zur Enthauptung. In diesem frühen Stadium wissen wir somit bereits zwei Dinge: Auch der Drehbuchautor Cormac McCarthy hat offenbar schon von Tschechow gehört, und eine der Hauptfiguren wird später bolitisiert werden. Die Frage ist nur: wer?

Die Auswahl der Opfer ist groß, außergewöhnlich groß. Das Plakat zu „The Counselor“ prahlt mit fünf Namen und ist sich ihrer Prominenz so sicher, dass es lediglich die Nachnamen druckt. Da wäre der Anwalt (Fassbender), der zwar in einem Designer-Haus mit Blick auf El Paso lebt, aber sein mageres Honorar trotzdem aufzubessern müssen glaubt, indem er sich ins Rauschgiftgeschäft stürzt. Des weiteren seine Geliebte Laura (Cruz), die dazu da ist, überwältigend teure Ringe um ihre Finger zu stülpen und unterm Laken Leidenschaftlichkeiten zu flüstern („Ich will dich lieben, bis ich sterbe“ – „Ich will zuerst sterben“; Achtung: Tschechow-Alarm!).

Mit höchster Erwartung belastet

Nummer drei ist der Nachtclubbesitzer Reiner (Bardem), der seine Drogengewinne vor allem in ein besonders vulgäres Ambiente zu investieren scheint. Seine Geliebte Malkina (Diaz) wiederum scheint am meisten Spaß daran zu haben, ihre Geparden in der Wüste auf Hasenjagd zu schicken. Schließlich hätten wir noch den Einzelgänger Westray (Pitt), der am meisten von dem Business versteht und gern Ratschläge erteilt; im Gegensatz zu Fassbenders Counselor – was ja „Ratgeber“ bedeutet – der beratungsresistent ist (Achtung: McCarthy-Ironie!). „Sagen Sie nicht, ich hätte sie nicht gewarnt“, gibt Brad Pitt Michael Fassbender mit auf den Weg, vergeblich.

Es hat dieses Jahr kaum einen Film gegeben, der mit höheren Erwartungen belastet war als „The Counselor“, denn er vereint nicht nur so viele Stars, dass sie für fünf Filme reichen würden, sondern beruht auch auf dem ersten Originaldrehbuch des Starschriftstellers Cormac McCarthy und trägt den Stempel von Sir Ridley Scott, den des ewigen „Alien“-, „Blade Runner“- und „Gladiator“-Ruhms. So gibt es in der Tat auch in „Counselor“ eine Szene, die eine Weile durch Fan-Unterhaltungen geistern wird. Javier Bardem und Cameron Diaz sind im Ferrari-Cabrio unterwegs. Sie steigt aus, entledigt sich ihres Höschens und besteigt dann von außen die Windschutzscheibe, um im Spagat Sex mit ihr zu vollführen. Der trotz aller gynäkologischen Details nicht angetörnte Bardem schaut fassungslos vom Beifahrersitz zu.

Dies ist eine Verhöhnung des Geliebten, ein Akt der Verachtung, so viel begreifen wir. Dass der Film damit unfreiwillig auch seine Konstruiertheit, seine Kälte, sein Peepshowtum ausstellt, geht einem erst im Lauf der Zeit auf. Es ist schwierig, für irgendeine seiner Figuren Sympathie aufzubringen. Nun hätte man das auch über die glorreiche McCarthy-Verfilmung „No Country for Old Men“ (auch mit Bardem) durch die Coen-Brüder sagen können. Doch hier ist es schlimmer. Diese seine Figuren sind nicht nur moralisch bankrott, sie sind zudem noch uninteressant.

Am schlimmsten trifft es die Hauptfigur. Mr. Counselor ist schmierig, gefühlsduselig, überschätzt sich maßlos und hätte besser daran getan, den ganzen Film mit Penélope Cruz unterm Laken zu bleiben. Michael Fassbender muss aufpassen, dass seine attraktive Geschmeidigkeit, unter der sich so viele Tiefen verbergen können, nicht von Filmen wie diesem missbraucht wird, deren Tiefgründigkeit Millimeter unter der Oberfläche endet. Einen einzigen Charakter durchschauen wir tatsächlich nicht auf den ersten Blick, und das ist Milkina, die mit dem Mädchenschokoladennamen und dem Goldzahn, den silbernen Fingernägeln und den eintätowierten Leopardenflecken. Im Lauf des Films wird sie mit ihren Geständnissen einen Priester aus dem Beichtstuhl vertreiben und sich als Männerfresserin outen. Ihre Figur ist so unglaubwürdig wie alle anderen, aber Cameron Diaz wirft sich wenigstens mit Verve in diese Unmöglichkeit – obwohl solch eine Theatralik dem Konzept von „Counselor“ eigentlich zuwider läuft.

Krimineller Lifestyle

Wir haben oft geklagt, dass Hollywood Schriftsteller-Werke verschandle. „ Counselor“ ist das Gegenbeispiel, wo Leute, die ihr Handwerk verstehen, sich vom Glanz des Intellektuellen abhalten ließen, all das zu ändern, was im Kino nicht funktioniert. Selbst Ridley Scott hat sich herausgehalten und nur Hochglanzbilder dazugeliefert, wie in einem zweistündigen Werbespot für kriminellen Lifestyle. Man braucht nur anzusehen, wie er Cameron Diaz inszeniert (im Sonnenuntergang, ein Pferd reitend, mit Geparden an ihrer Seite) und weiß: Hier ist Hopfen und Malz verloren. Da helfen auch drei Enthauptungen nicht mehr. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.