Konzert

Profis bei der Arbeit

Für immer jung: Depeche Mode zeigen in Berlin, warum sie seit einer Ewigkeit so erfolgreich sind

Dave Gahan startet mit einer kleiner Pirouette, bevor der erste dumpfe Schlag von „Welcome to my world“ ertönt. Er wird an diesem Abend wie ein Table Dancer unzählige Male die Hüfte schwingen. Er wird den Mikroständer in einer ziemlich eindeutigen Pose zwischen die Beine packen. Er wird seine Lederweste ausziehen und das Publikum wird jubeln. Wo erlebt man das sonst als in der schönen Welt des Pops, dass Applaus aufbraust, sobald man seine Jacke auszieht? Wobei, der Beifall ist verdient. Dave Gahan hat mit Anfang 50 einen so ansehnlichen, durchtrainierten Körper, wie es die wenigsten in irgendeinem Abschnitt ihres Lebens haben. Und er ist sich dessen bewusst.

„Welcome to my world“ – die Welt von Dave Gahan, Martin Gore und Andy Fletcher ist die Welt einer perfekten Popgruppe. Sie ist alterslos, wie Dave Gahans Körper gesegnet mit der ewigen Jugend. Es ist ein extrem kurzweiliger Abend, die knapp zwei Stunden in der mit 14.500 Besuchern ausverkauften O2 World vergehen einfach so. Der Enthusiasmus und die Exzentrik von Dave Gahan rettet selbst mittelmäßige Lieder „Should be higher“ oder „Angel“. Notfalls wackelt er halt mit dem Hintern.

Zu unpolitisch, zu luschig

Mag Depeche Modes Erfolg auch faszinierend sein, selbstverständlich ist er nicht. Wie kann eine Band, die in ihren Texten mit Sadomaso-Sehnsüchten spielt und auf eine bemerkenswerte Drogenkarriere zurückschaut, so massenkompatibel sein und das mehr als 30 Jahre lang? Liebling der Musikkritik war sie jedenfalls nicht. Morrissey, der auch mal Journalist war, schreibt 1982, dass „Depeche Mode vielleicht nicht die langweiligste aller Bands ist, die je diesen Planeten betreten haben, aber sie gehört auf jeden Fall zu den schärfsten Anwärtern“. Er war mit seiner Ablehnung nicht allein. Die Band galt als zu unpolitisch, zu synthielastig, zu luschig. Am 8. Dezember 1983 spielten Depeche Mode in der Deutschlandhalle. Das weiß ich dank Google, eine aktive Erinnerung an das Konzert habe ich nicht, außer dass ich weit hinten stand, weil ich in dieser Zeit immer weit hinten stand. Sieben Tage zuvor hatte ich mein Abitur gemacht. An diesem Abend spielten Depeche Mode „The meaning of love“, „See you“ und „Just can’ get enough“; drei Stücke, die noch heute in ihrer Gradlinigkeit gut hörbar sind und nicht peinliche Nostalgiegefühle auslösen, wie so einige Stücke aus dem Beginn der achtziger Jahre, in der, in der Nachfolge des Punks, jeder dachte, Musik machen zu können.

Depeche Mode ist eine Band, die in ihren ersten Jahren nur und ausschließlich von Teenies vergöttert und verstanden wird. Depeche Mode haben ihren Stil zwischen karierten Hemden und Lederjacken am Beginn noch nicht gefunden. Das ist beruhigend, geht es den meisten Jugendlichen doch nicht anders. Depeche Mode ist eine Teenieband. Und das ist sie noch (mindestens) zwei weitere Male in ihrer Karriere, mit den Alben „Violator“ 1990 und „Exciter“ 2001. Sie hat sich mit ihrer Musik selbst die ewige Jugend geschenkt, immer und immer wieder.

Beide Seiten, Band und Publikum, geben an diesem Montagabend in Berlin alles. Gesessen wird hier von der ersten Minute an nicht. Dave Gahan schreitet mit durchgestrecktem Kreuz über die Bühne und hält das Mikrofon in die Menge. Wenn das Publikum textsicher „Just can’t get enough“, „A question of time“ oder „Walking in my shoes“ singt, ahnt man, dass hier eine Band moderne Volkslieder geschaffen hat.

Depeche Mode liefern ehrliche Arbeit ab. Sie spielen zum zweiten Mal bereits in diesem Jahr „The Delta Machine Tour 2013“ in der Stadt, sie haben ein ganzes Jahr durchgetourt. Und sie machen das wie Hochleistungssportler. Unermüdlich, konzentriert, begeisternd. Sie haben so viel Routine, dass man in dem sicheren Gefühl die beiden Stunden einer professionellen, lichtgewaltigen Bühnenshow beizuwohnen, die eben nicht routiniert wirkt.

Nebenbei geben die Briten eine kleine Lektion im modernen Kunstverständnis: Während eines Liedes laufen oder hocken für wenige Sekunde unterschiedlich niedliche Hunde, in einem anderen Video formen fünf wenig bekleidete Damen in unbequemer Körperhaltung ein paar Buchstaben und im nächsten dann gibt es einen Streifzug durch Berlin: Mauer plus Frau plus roten Rahmen, Reichstag plus Frau plus roten Rahmen, Wald plus Frau plus roten Rahmen. So ist das mit der Kunst, spätestens seit Marcel Duchamps Fountain: Man muss sie weder verstehen noch muss sie hübsch sein. Sie kann einem sogar herzlich egal sein. Hauptsache, es gibt was zu gucken.

Schade nur, dass die Akustik an diesem Abend immer mal wieder mau ist. Keine Ahnung, warum die Musik hier leiser gespielt wird als beim Berlin Music Festival auf dem Tempelhofer Feld. Die Nachbarn können jedenfalls nicht der Grund sein. Immer wieder ist der Sound breiig, bei „A pain that I’m used to“ dröhnt der Synthesizer schmerzhaft. Dave Gahan macht dann das, was er immer macht, um die Leute abzulenken. Er wackelt mit dem Popo.

O2 World, O2 Platz 1, Friedrichshain. Heute Zusatzkonzert 20 Uhr.