Fernsehfilm

Wiederentdeckung der Provinz

Der Roman „Grenzgang“ wurde zum berührendsten Fernsehfilm des Jahres

Ein Mädchen bricht aus. Es ist ein schöner Tag überm Lahntal. Der Himmel hängt hoch. Peitschen knallen. Eben war da eine Menge Menschen im Wald, ein paar flogen hoch, in die Luft geschleudert von der Menge. Jetzt gehen sie durchs Hinterland, den wälderreichen hintersten Zipfel des ehemaligen Hessen-Darmstadt, rund um die Gemarkung Bergenstadt. Machen Grenzgang, wie alle sieben Jahre seit 1839. Begehen eine weltliche Prozession, traditionelles Großbesäufnis, heimatliche Selbstverständigungsparty. Alle sind gekommen, alle gehen mit.

Da nimmt das Mädchen Reißaus. Läuft die flimmernde Sommerwiese hinunter. „Leise flehen meine Lieder“ singt einer aus dem Off. Ein Mann jagt das Mädchen mit der Peitsche, ein seltsames Gewand hat er an, eine merkwürdige Mütze auf dem Kopf. Dann hat er sie, fängt sie, wirft sie. Sie liegen in der Wiese. Sie lachen. Kerstin Werner steht und staunt.

Es geht viel um Stehen und Staunen in Brigitte Maria Benteles Verfilmung von Stefan Thomes als nordhessisches Welttheater, als literarische Wiederentdeckung der Provinz, als grandiose Heimatliteratur gefeierten Bergenstadt-Roman „Grenzgang“. Viel ums Ausbrechen, ums Begehen, ums Umgehen von Grenzen. Um das Leben in der Provinz. Um das Leben von Leuten zumal, die, wenn sie nicht gerade vom Leben zerrieben werden, manchmal fest glauben, eben dieses Leben längst hinter sich zu haben. Von Einsamen, späten Driftern.

Man kann in Benteles Gesichtern lesen, wie in Büchern. Sie stellen sie aus, die Schatten, die über sie ziehen und durch sie hindurch. Sie lassen sich Zeit, für Blicke, Gesten, Bewegungen. Man sieht Kiefern beim Mahlen zu, wie sich Explosionen entwickeln, Bangigkeiten und Enttäuschungen, wie das Erstaunen wächst um die Augen und die Angst, wie etwas aufbricht, wie etwas endet.

„Grenzgang“ ist die Geschichte von Thomas Weidmann und Kerstin Werner. Beide in ihren frühen Vierzigern, beide am Scheideweg, ohne es zu wissen oder wissen zu wollen, vor der Entscheidung, in der hinterländischen Mostigkeit zu versinken wie alle andern auch oder noch was wagen zu wollen. Thomas Weidmann, der das Ländliche schon im Namen trägt und den Geruch der Provinz nicht los wurde in Berlin, wo er beinahe Geschichtsprofessor wurde, zurückkam, was man ja nie tun darf, und nun am Lahntalgymnasium allmählich dem Klischee des alternden, alleinstehenden Oberstudienrats entgegenfault.

Kerstin Werner, die mal Tanzlehrerin werden wollte, mit eigenem Studio und so, sich beim Grenzgang in einen schnöseligen angehenden Rechtsanwalt aus Bergenstadt verknallte und jetzt in der Falle eines Mehrgenerationenhaus hockt, ganz klassisch zermahlen wird.

Lars Eidinger, der bedeutendste End-Pubertierende unter den deutschen Schauspielern, gibt Thomas Weidmann genau das richtige Maß an Mostigkeit, lässt ihn zwischen Coolness und Selbstmitleid an sich selbst und seiner Antriebslosigkeit sanft verzweifeln. Claudia Michelsen, derzeit die Spezialistin für alle weiblichen Mittellagen im deutschen Fernsehen, von „Der Turm“ bis jüngst auch im „Polizeruf“, ist das offene Herz dieser Geschichte, eine Gefangene im eigentlich falschen Leben, die sich in alles verkrallt und die dann doch noch die Kraft hat, loszugehen.

Und eines der vielen gar nicht kleinen Wunder dieses sehr weisen, sehr berührenden Films, der einen so schnell nicht loslässt, ist, dass Brigitte Maria Bentele der Versuchung, sich über diese kleinen Leben, sich über die Heimat, diese Mittellage, diese Volksfestseligkeit lustig zu machen, genauso tapfer widerstanden hat wie schon Stefan Thome in seinem Roman.

Grenzgang ARD, heute, 20.15 Uhr