Klassik-Kritik

Stargeigerin Midori entdeckt Bartóks düstere Seiten

Was für ein Zeitlupentempo.

Nach gefühlten drei Stunden steckt das Deutsche Symphonie-Orchester noch immer im zweiten Satz von Bruckners Siebenten. Christoph Eschenbach dehnt die spätromantischen Klangflächen ins schier Uferlose. Macht aus dem folgenden Scherzo ein getragenes Menuett, erklärt das Trio zum zweiten Adagio. Keine Frage: Gegen einen langsamen Bruckner an sich ist nichts einzuwenden. Doch Gastdirigent Eschenbach lässt seine Fürsorge an diesem Abend nicht allen Musikern gleichermaßen zuwachsen. Es entstehen Unzufriedenheiten im Orchester, die hörbar werden.

Vollen Dank dagegen erhält der Dirigent von Midori. Die japanische Ausnahmegeigerin mit der leidgeprüften Wunderkind-Biografie spielt zuvor Bartóks Violinkonzert Nr. 2. Schon zu den milden Harfenklängen des Beginns krümmt sich ihr kleiner drahtiger Körper heftig. Midori ackert besessen, ihr Ton blitzt nackt und kahl, das enge schnelle Vibrato sticht in die Ohren. Ob das DSO gut begleitet, lässt sich gar nicht so einfach sagen. Denn Midori gehört zu den Künstlerinnen, die umgehend vollste Aufmerksamkeit an sich ziehen. Ein quälend pessimistischer Bartók ist das, viel resignativer und bitterer, als sich der ungarische Komponist sein Werk gedacht hat. Als Zugabe schenkt Midori das gut bekannte Präludium aus Bachs Partita BWV 1006 her. Selten klang die Tonart E-Dur trauriger.